Bericht Tagung SGAB und FHNW

Passagen beim Eintritt in die Erwerbstätigkeit

Unter dem Titel «Passagen beim Eintritt in die Erwerbstätigkeit» fand am Freitag 27. Januar 2017 an der Pädagogischen Hochschule FHNW in Solothurn eine nationale Tagung statt, die von der SGAB mitorganisiert wurde. Sie richtete sich an Personen aus der Berufsbildungsforschung, der Verwaltung, der Berufsfachschulen, Berufsberatung und der Lehrbetriebe, die sich mit dem Einstieg und die Karriere von Lernenden beschäftigen. Die fünf Vorträge und Gruppendiskussionen behandelten Steuerung, Forschungsergebnisse und konkrete Umsetzungsbeispiele zum Eintritt in und Austritt aus der beruflichen Grundbildung.

Stefanie Portner
Markus P. Neuenschwander
Von Stefanie Portner und Markus P. Neuenschwander
Stefanie Portner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Lernen und Sozialisation der PH FHNW; Markus P. Neuenschwander ist Professor für Pädagogische Psychologie und Leiter des Zentrums Lernen und Sozialisation der PH FHNW.

Bildungspolitische Herausforderungen und Perspektiven  

Jean-Pascal Lüthi, Vizedirektor und Leiter der Abteilung Berufliche Grundbildung und Maturitäten, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI

In seinem Referat geht Jean-Pascal Lüthi auf den Aufbau des schweizerischen Bildungssystems ein und fokussiert die Berufsbildung bzw. den Übertritt in die Sekundarstufe II. Daten belegen, dass auf allen Ebenen der Berufsbildung ein direkter Arbeitsmarkteintritt erfolgt.1 Rund 80% der Schülerinnen und Schüler absolvieren direkt im Anschluss an die obligatorische Schulzeit eine berufliche Grundbildung oder eine allgemeinbildende Schule, rund 12% der Schulabgängerinnen und Schulabgänger nutzen Brückenangebote. Diese Brückenangebote werden oft gewählt, obwohl viele Lehrstellen jährlich offen bleiben. Als Fazit kann festgehalten werden, dass eine Balance zwischen der Förderung von Leistungsstarken und der Unterstützung Leistungsschwächeren hergestellt werden muss. Dies kann durch das Zusammenwirken in der Verbundpartnerschaft (Bund, Kanton, Organisationen der Arbeitswelt) gestärkt und abgestützt werden. Durch die zweijährige Lehre (EBA), Case Management Berufsbildung (CM BB), Interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ), Match-Prof usw. wird das Ziel verfolgt, die Zahl der offenen Lehrstellen und der Personen in Brückenangeboten zu senken.

Bedingungen des erfolgreichen Übergangs in die berufliche Grundbildung

Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander, Zentrum Lernen und Sozialisation, Pädagogische Hochschule FHNW

Im Referat von Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander werden verschiedene Konzepte und Befunde zu Entscheidungen und Anpassungsprozesse beim Eintritt in die berufliche Grundbildung vorgestellt. Es wurde ein erziehungswissenschaftliches Modell konzipiert, das den Übertritt in die Sekundarstufe II erklärt, und das sich in mehreren Längsschnittstudien (BEN, SoLe, WiSel) bewährte. Die Berufsfindung wird als Sozialisationsprozess mit den Akteuren Jugendliche, Bezugspersonen, Institutionen verstanden. Beispielsweise zeigen Ergebnisse, dass die Deutschnoten, die Leistungserwartungen von Lehrpersonen und der sozio-ökonomische Status im 5. Schuljahr die Entscheidung Gymnasium vs. berufliche Grundbildung mit Berufsmaturität I gut vorhersagen. Die Entscheidung berufliche Grundbildung mit vs. ohne Berufsmaturität erfolgt hingegen spät und basiert auf den Mathematiknoten, dem sozio-ökonomischen Status und den Elternerwartungen im 8. Schuljahr.

Die Berufswahl ist erfolgreich, wenn eine hohe Passung zwischen Person und Beruf resultiert. Die Herstellung von Passung ist eine Leistung von Jugendlichen, jedoch müssen auch Betriebe zur Herstellung von Passung beitragen (Personalselektion, Schaffung von entwicklungsangemessenen Ausbildungsumfeldern). So zeigen Studien, dass hohe Passung die Motivation, Ausbildungszufriedenheit, Produktivität und Leistungen erhöht. Passung resultiert aus einem erfolgreichen Berufsfindungsprozess. Daraus folgt, dass Familien und Schulen, aber auch Lehrbetriebe / Berufsfachschulen Angebote entwickeln sollten, die auf den Entwicklungsstand (Vorwissen, Interessen) der Jugendlichen abgestimmt sind.

Stellenwert eines EBA Abschlusses im Arbeitsmarkt

Dr. Claudia Hofmann, Hochschule für Heilpädagogik

Das Referat von Dr. Claudia Hofmann beschäftigt sich mit der beruflichen Entwicklung von jungen Erwachsenen mit einem EBA-Abschluss. Dabei werden neue Forschungsbefunde zu Ausbildung und Berufseinstieg von EBA-Absolvierenden präsentiert. Es zeigt sich, dass die EBA heute gut etabliert ist: es gibt jährlich mehr als 6‘000 Abschlüsse in mehr als 50 Berufen. Ergebnisse aus einer Evaluation der Arbeitsmarktsituation und Weiterbildungsperspektiven von Absolventinnen und Absolventen mit EBA zeigen, dass 75% der Absolventinnen und Absolventen der Einstieg direkt oder innerhalb von 6 Monaten gelingt, 13% später (davon 75% im erlernten/ähnlichem Beruf). Die Einstiegschancen sind branchenabhängig. Der EBA-Abschluss führt zu einer ungünstigeren Anstellungssituation als ein EFZ-Abschluss, der aber leicht besser ist als der Abschluss einer Anlehre. Die Durchlässigkeit EBA-EFZ beträgt 41%, Abbruchraten 3-16%. Im Lohn zeigt sich eine  Verbesserung des EBA-Abschlusses gegenüber der Anlehre.

Weitere Ergebnisse zeigen, dass die Ausbildungssituation in Betrieb und Schule (Belastung, Vielseitigkeit), Ausbildungsverlauf in Betrieb und Schule (Leistungen Schule-Betrieb) und individuelle Dispositionen (Depressivität und Arbeitswerte extrinsisch-intrinsisch) die berufliche Situation nach dem EBA-Abschluss (Arbeit, Weiterbildung, Zufriedenheit) beeinflussen.

Heute gibt es noch keinen Konsens, wie die Integration von lernbehinderten Berufslernenden vollzogen werden kann. Es kann jedoch festgehalten werden, dass durch eine EBA schulisch schwächere Lernende längerfristig gut integriert sind, vor allem wenn diese beim Einstieg unterstützt werden.  

Die glückliche Entscheidung

Martin Oppliger, Leiter Öffentlichkeitsarbeit bei aprentas

Das Referat von Martik Oppliger thematisierte Möglichkeiten und Grenzen der Auswahl von Lernenden beim Eintritt in die berufliche Grundbildung am Beispiel von «aprentas», einem grossen Ausbildungsverbund für Grund- und Weiterbildung im naturwissenschaftlichen, technischen und kaufmännischen Bereich, der Firmen bei der Rekrutierung von Lernenden unterstützt. Im Rekrutierungsmarkt sieht Martin Oppliger grosse Herausforderungen: Rückgang von Bewerbungen, das Image der Berufslehre und der Trend hin zur tertiären Ausbildung. Bei der Rekrutierung von Lernenden stehen drei Grundfragen im Zentrum: das Können (intellektuelle Fähigkeiten und Leistungsfähigkeit), das Wollen (Motivation und Arbeitsverhalten) sowie das Passen (Persönliche Eigenart und Sozialverhalten). Damit begründet aprentas ihr eigenes Testsystem zur Rekrutierung von Lernenden. In diesem Testsystem werden Kompetenzen standardisiert überprüft, eine Potentialabklärung durchgeführt, Konzentration, logisches und schlussfolgerndes Denken werden getestet. Das System gibt eine zweite Meinung und ist mit einem kleinen Aufwand für die Firmen verbunden. Der Rekrutierungsablauf der aprentas beginnt mit einer Bewerbung, geht weiter mit dem Testsystem, wenn möglich einem Praxistest und anschliessendem Gespräch. In der folgenden Diskussion wurde unter anderem der Stellenwert der Passung neben Leistung, Intelligenz und Kompetenzen diskutiert.

Berufseinstieg, Weiterbildung oder Neuorientierung?

Thomas Eichenberger, Geschäftsführer ask! (Leiter Beratungsdienste)

Thomas Eichenberger thematisiert in seinem Referat die Laufbahnplanung während der beruflichen Grundbildung im Spannungsfeld von Eigenverantwortung und Unterstützung. Der Verein ask! ist ein Kompetenz- und Servicezentrum für Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf im Kanton Aargau. Er bietet Menschen von 14 bis 65 Jahren sowie Organisationen Hilfestellungen in beruflichen Fragen. So liessen sich 11.5% der Personen in Ausbildung auf der Sekundarstufe II 2015/2016 im Kanton Aargau beraten. Die Adoleszenz wird als eine Lebensphase mit erhöhter Instabilität und Irritierbarkeit angesehen. Komplexe Lebensaufgaben stehen beschränkten Bewältigungsmöglichkeiten gegenüber. Hier ist ein Gleichgewicht zu schaffen. ask! hat den Auftrag, Informationen, Beratung, Begleitung und Ausbildung und Wissensvermittlung zu Schule/Ausbildung, Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Gesundheit und Rehabilitation sowie Soziale (Re-)Integration anzubieten, um Menschen in jeder beruflichen Lebenslage zu unterstützen. Damit steht der einzelne Mensch mit seiner Persönlichkeit und seinen Anliegen im Zentrum.

Alle Beiträge können hier gelesen werden.

1 Quelle: Bundesamt für Statistik (2016), Bildungsabschlüsse. Ausgabe 2016.
2 Quellen: Bundesamt für Statistik (2015a), Bildungssystem Schweiz – Indikatoren – Verläufe und Übergänge – Übergang in die Sekundarstufe II; Bundesamt für Statistik (2015b), Schülerinnen, Schüler und Studierende 2013/14.