Berufsintegrative Ausbildungskompetenzen in Lehrbetrieben des ersten Arbeitsmarkts (AgiL)

«Auch mal eine Chance geben»

Es gibt viele Lehrbetriebe, die Jugendliche trotz Lernschwierigkeiten oder auffälligem Verhalten ausbilden. Im Rahmen der Studie AgiL wurde untersucht, welche Voraussetzungen betriebliche Bildungsverantwortliche dafür erfüllen müssen. Dazu gehören Aspekte wie realistische Erwartungen an die Auszubildenden, strukturierte Arbeitsabläufe oder eine wohlwollende Beziehungsgestaltung.

Silvia Pool Maag
Von Silvia Pool Maag
Silvia Pool Maag ist Professorin für Inklusion und Diversität an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

1. Ausgangslage

Der Übergang von der Schule in den Beruf wurde nicht zuletzt durch die TREE-Studie zu einem vielbeachteten Forschungsgegenstand von nationalem Interesse. Die Studie verweist auf die Vielfalt an Ausbildungswegen im nachobligatorischen Bildungsbereich und verdeutlicht, dass benachteiligten Jugendlichen (schwierige soziale, kulturelle, schulische, persönliche Ausgangslage) der direkte Einstieg in die Berufsausbildung seltener gelingt; auch heute sind mehr als fünf Prozent der jungen Erwachsenen ausbildungslos.

«Ich habe gedacht, man muss den Jugendlichen auch mal eine Chance geben und ja, wir haben die Möglichkeit in meiner Filiale und ich habe gedacht, es wäre mal einen Versuch wert. Und bis jetzt ist eigentlich...ich bin superbegeistert sogar»

Berufsbildende sind die wichtigsten Gatekeeper für den Eintritt in die duale Berufsbildung! Neben der Lehrlingsselektion und der Förderung der Ausbildungsbereitschaft der Lehrbetriebe rückte die Ausbildungsqualität aufgrund steigender Lehrvertragsauflösungen (LEVA) zunehmend in den Fokus des Interesses. Verschiedene Studien zeigen, dass die Zufriedenheit mit der Berufswahl auch von den Aufgaben und Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz abhängt (zusammenfassend Pool Maag, 2016). Zusätzlich zur Schaffung von Ausbildungsplätzen sind demnach auch die Weiterentwicklung und Sicherung der Ausbildungsqualität vor allem mit Blick auf die berufliche Integration von Jugendlichen mit Benachteiligungen zu fördern. Die LEVA-Quote ist in EBA-Grundbildungen am höchsten.

2. Fragestellung und Methode

Vor diesem Hintergrund und aufgrund des Stellenwerts qualifizierender Ausbildungsabschlüsse für den Übertritt ins Erwerbsleben ist die Studie AgiL (Ausbildungskompetenzen in Lehrbetrieben des ersten Arbeitsmarkts) entstanden, die in einer ersten explorativen Phase der Frage nachgeht, wie Berufsbildende im ersten Arbeitsmarkt erfolgreiche Ausbildungsprozesse mit Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf gestalten. Der Fokus auf Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf wurde aufgrund der zunehmenden Bedeutung von Supported Education in der Berufsbildung gewählt (Pool Maag, Friedländer & Rauser, 2016). Die Studie verfolgt drei Ziele:

  1. Die Förderung der Ausbildungsbereitschaft und -fähigkeit von Berufsbildenden für die Arbeit unter erschwerten Bedingungen
  2. Konzeptebene: Die Systematisierung und Präzisierung bedarfsgerechter Unterstützungsangebote
  3. Forschung: Evidenzbasierte Dimensionen berufsintegrativer Kompetenz

Erfolgreiche Berufsbildende – so die Annahme – entwickeln Strategien, um auch in schwierigen Ausbildungssituationen Lösungen zu finden und so gelingende Ausbildungsprozesse zu gestalten. Sie fühlen sich zuständig (betrieblich definierte Verantwortlichkeit), sind bereit (individuelle Motivation) und fähig (Qualifikation), schwierige Situationen zu verstehen und nach gemeinsamen Möglichkeiten mit den Auszubildenden zu suchen.

Die Stichprobe der Studie besteht aus Betrieben im ersten Arbeitsmarkt, die diese Praxis bereits erfolgreich umsetzen. Aus einer Grundgesamtheit von 60 Lehrbetrieben im Kanton Zürich wurden 20 entlang definierter Kriterien wie Branche, Betriebsgröße, Ausbildungsangebot und -erfahrung sowie Förderbedarf der Auszubildenden ausgewählt und befragt. Drei Viertel dieser Betriebe  sind Kleinst- und Kleinbetriebe (< 50 Mitarbeitende) aus den Bereichen Detailhandel, Elektro, Dienstleistung, Verkauf, Baugewerbe, Gastronomie, Hotellerie, Technik/Hauswartung, Logistik. In jedem dieser Betriebe werden Jugendliche mit besonderem Bildungsbedarf ausgebildet. Über 60% dieser Jugendlichen hat Schwierigkeiten im Bereich des Lernens und der Konzentration (z.B. kognitive/psychische Beeinträchtigung, Lernschwierigkeiten, ADHS, Trisomie 21), etwas mehr als ein Drittel hat gesundheitliche oder motorische Beeinträchtigungen. Die Mehrheit der Jugendlichen (60%) absolviert eine «Praktische Ausbildung» nach INSOS (PrA), ein Drittel eine zweijährige Grundbildung (EBA) und eine Minderheit (6.6%) eine dreijährige Grundbildung (EFZ).

Mit den Berufsbildenden wurden Gruppen- (90-120‘) und Einzelinterviews (30-40‘) geführt. Im Kern ging es in den Interviews um zwei Themenkomplexe:

1. Was motiviert Berufsbildende, solche Ausbildungsverhältnisse einzugehen?
2. Wie meistern die Berufsbildenden herausfordernde Ausbildungssituationen?

Eine ausführliche Darstellung zum Forschungsvorgehen und zu den Ergebnissen ist in Pool Maag & Jäger (2016) nachzulesen.

3. Ergebnisse

Es werden im Folgenden ausgewählte praxisrelevante Ergebnisse aus der Studie berichtet. Bevor wir ins Gespräch einstiegen, wurden die Berufsbildenden gebeten, die Qualität der aktuellen Ausbildungssituation im Betrieb entlang einer sechsstufigen Skala einzuordnen (1=sehr gut/6=überfordernd). Drei Viertel der Befragten schätzte die aktuelle Situation «gut» bis «sehr gut» ein, ein Viertel «schwierig».

Zur Lesart der Ergebnisse: Befragte berichten über Themen, die ihnen wichtig und Teil ihrer Handlungspraxis sind, stets ausführlich und differenziert. Diese Themen werden in den folgenden Abbildungen als «qualitative Gewichtungen» in grossen Kreissegmenten dargestellt.

3.1 Ausbildungsmotive von Berufsbildenden

Entlang der Leitfrage «Erzählen Sie, wie es dazu gekommen ist, dass Sie Jugendliche mit einem besonderen Bildungsbedarf ausbilden?», berichteten Berufsbildende ihre Überlegungen.


Wenn Ausbildungsverhältnisse unter erschwerten Bedingungen zustande kommen, sind mehrheitlich persönliche Aspekte für die Berufsbildenden ausschlaggebend, es sind aber auch Anfragen von Verbundpartnern und Eltern sowie gute Erfahrungen mit den Jugendlichen aus Schnupperpraktika (Abb. 1). Die persönlichen Aspekte lassen sich nochmals in verschiedene Facetten und Motive auffächern (Abb. 2): Das wichtigste Motiv bezieht sich auf eine gute Erfahrung mit den Auszubildenden:

«Also ich muss auch sagen, es ist kein Tag vergangen, wo ich mir selber gesagt hätte, warum, warum haben wir das gemacht, nicht? Es ist wirklich, es ist gut gegangen mit ihm (…). Er hat es eigentlich perfekt gemacht» 1_210-214).

Des Weiteren haben die Befragten das Bedürfnis, diesen Jugendlichen eine Chance zu geben sowie das Interesse, den Mut und die betrieblichen Möglichkeiten, diese Herausforderung anzunehmen (Abb. 2):

«Ich habe gedacht, man muss den Jugendlichen auch mal eine Chance geben und ja, wir haben die Möglichkeit in meiner Filiale und ich habe gedacht, es wäre mal einen Versuch wert. Und bis jetzt ist eigentlich...ich bin superbegeistert sogar» (1_178-181);

«Die Motivation eben, erst mal einem solchen Jugendlichen eine Stelle zu geben, damit er nachher mal in irgendeinem Betrieb arbeiten kann» (1_201-208).

3.2 Dimensionen berufsintegrativer Kompetenz

Entlang der beiden Leitfragen «Was läuft mit Blick auf die Auszubildenden gut und was trägt zu diesem guten Gelingen bei?», und «Wann zeigen sich im Ausbildungsalltag Herausforderungen und wie gehen Sie in dieser Situation gewöhnlich vor?», berichteten die Berufsbildenden aus ihrer Praxis.

Die Analyse generierte fünf Dimensionen, die für die Ausbildung unter erschwerten Bedingungen bzw. für den Umgang mit herausfordernden Ausbildungssituationen relevant sind: 1. Ausbildungsgestaltung (48%), 2. Betriebliche Voraussetzungen (27%), 3. Ausbildungspartner (Job Coaching) (12%), 4. Lernende (10%), 5. Gesellschaftliche Haltung (3%).


Die Gestaltung der Ausbildung hat den grössten Einfluss auf das Gelingen (individualisierende Massnahmen, Empowerment der Jugendlichen, pädagogische Affinität der Berufsbildenden). Dazu kommen die betrieblichen Voraussetzungen als zweiter relevanter Faktor (betriebliche Ressourcen wie Zeit, Personal und Fachlichkeit, das Commitment der Mitarbeitenden, die betriebliche Ausbildungskompetenz und Bereitschaft sich weiterzubilden). Drei Beispiele sollen im Folgenden illustrieren, was diese Ausbildungskompetenzen auszeichnen:

  1. Individualisierende Massnahmen (Anpassungen vornehmen): Als Beispiel dient ein Schweizer Unternehmen, das einen 21-jährigen Jugendlichen auf der betriebsinternen Poststelle zum Logistiker PrA ausbildet. Die Ausbildner waren bereit, eingespielte Arbeitsabläufe und gefestigte Strukturen so zu modifizieren, dass der Lernende den Arbeitsablauf nachvollziehen kann. Als Beispiel diente die Beschriftung der Postfächer. Da der Lehrling mit den betriebsinternen Kürzeln, welche aus drei Ziffern und drei Buchstaben bestehen, überfordert war, wurden die Postfächer mit den Namen der Mitarbeitenden beschriftet, wodurch der Jugendliche die Post ohne Probleme zuordnen konnte.
  2. Empowerment (herausfordernde Aufgaben, Fehlertoleranz): Als Beispiel dient ein Grossbetrieb, der einer Lernenden EBA die Verantwortung zur Bewirtschaftung eines Teils der Molkereiabteilung übertragen hatte. Innerhalb dieses überschaubaren Rahmens konnte die Lernende wichtige Erfahrungen sammeln. Als ihr dabei ein Fehler unterlaufen ist, wurde ihr in einem Gespräch aufgezeigt, wo der Fehler passiert ist, welche Auswirkungen damit verbunden sind und wie der Fehler in Zukunft vermieden werden kann.
  3. Mitarbeitende (klare Kommunikation/Information): Als Beispiel dient ein Logistikzentrum eines grossen Detailhandelsunternehmens. Dort absolvierte ein Jugendlicher eine PrA Logistik. Aufgrund der Aussagen der beiden verantwortlichen Praxisbildner waren mehrere Faktoren für den positiven Ausbildungsverlauf verantwortlich. Als erstes mussten sich die Mitarbeitenden von der Vorstellung lösen, dass es sich um eine standardisierte EFZ- oder EBA-Ausbildung handelt. Die Mitarbeitenden mussten in mehreren Gesprächen über das Ausbildungskonzept und die Ziele informiert werden.

4. Zusammenfassung und Ausblick

Grundsätzlich haben die befragten Berufsbildenden in ihrer Praxis nichts grundlegend Neues gemacht, aber sie zeigen sich bereit, erfinderisch, fachkundig und pädagogisch versiert, wenn es darum geht, eine Passung zwischen den Voraussetzungen der Jugendlichen, den betrieblichen Möglichkeiten und den beruflichen Lernzielen zu finden. Ihre Aussagen verdeutlichen, dass sie trotz ungewissem Ausgang bereit waren, die Herausforderung eines Ausbildungsverhältnisses unter erschwerten Bedingungen anzutreten, und dass sie in ihrer Entscheidung durch kleinere und grössere Erfolge bestärkt wurden. Der Stellenwert der Mitarbeitenden und ihr Commitment zum Ausbildungsverhältnis sowie die betriebliche Ausbildungskompetenz als betriebsbezogene Bereitschaft zur Weiterentwicklung und Weiterbildung haben uns in diesem Ausmass überrascht. Resümierend lassen sich die Gelingensbedingungen für Ausbildungen von Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf mit folgenden Stichworten zusammenfassen:

  • Hohe persönliche Ausbildungsbereitschaft der Berufsbildenden
  • Realistische Erwartungen an die Auszubildenden
  • Individualisierte Zielsetzungen
  • Strukturierte Arbeitsabläufe
  • Wohlwollende Beziehungsgestaltung
  • Konstruktiver Umgang mit Fehlern
  • Verständnis der Arbeitsabläufe fördern
  • Balance finden zwischen Fördern, Fordern und Schonen
  • Herausfordernde Aufgaben stellen, an denen sich die Lernenden entwickeln und Verantwortung übernehmen können
  • Ausreichende betriebliche Ressourcen
  • Haltung Betrieb
  • Klare betriebsinterne Kommunikation.

Erfolgreiches ausbildungsbezogenes Handeln fokussiert aus Sicht der Berufsbildenden nicht nur auf die Förderung und Unterstützung der Auszubildenden, sondern ebenso auf die Schaffung förderlicher Voraussetzungen im Lehrbetrieb. Supported Education (Job Coaching) wird diesbezüglich von den Befragten unterstützend wahrgenommen; eine Ansprechperson in schwierigen Situationen zu haben sei wichtig. Zur weiteren Systematisierung dieses Unterstützungsangebots und für die Analyse bedarfsorientierter Zuweisungsprozesse braucht es weitere Forschung. Die Förderung der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe kann gelingen, wenn zusätzlich zu Weiterbildungsangeboten (z.B. Supported Education, inklusive Berufsbildung) und zur gezielten Akquise von Ausbildungsplätzen  ein Netzwerk für den Know-how-Transfer aufgebaut wird, in dem interessierte Lehrbetriebe von erfahrenen Lehrbetrieben lernen können (Lehrbetriebe lernen von Lehrbetrieben). Zusätzlich müsste die Ausschreibung der Lehrstellen das Matching zwischen Auszubildenden mit besonderem Bildungsbedarf und interessierten Lehrbetrieben unterstützen (z.B. besonderer Hinweis).

Literatur
Pool Maag, S. (2016). Herausforderungen im Übergang Schule Beruf: Forschungsbefunde zur beruflichen Integration von Jugendlichen mit Benachteiligungen in der Schweiz. Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 38 (3), 591-608.
Pool Maag, S., Jäger, R. (2016). Berufsintegrative Ausbildungskompetenzen in Lehrbetrieben des ersten Arbeitsmarkts. Zeitschrift für Berufs- und Wirtschaftspädagogik, 30. http://www.bwpat.de/ausgabe30/pool_maag_jaeger_bwpat30.pdf
Pool Maag, S. Friedländer, S. & Rauser, G. (2016). Supported Education. In R. Wegener, S. Deplazes, M. Hasenbein, H. Künzli, A. Ryter, B. Uebelhart (Hrsg.), Coaching als individuelle Antwort auf gesellschaftliche Entwicklungen (S. 151-160). Wiesbaden: Springer.