Tagungsbericht

Berufsbildung für Erwachsene: Herausforderungen für die Verbundpartner

Jedes Jahr erwerben rund 8000 Personen, die über 25 Jahre alt sind, ein Fähigkeitszeugnis. Das ist zu wenig, sind sich die Fachleute einig. Die grosse Mehrheit der Erwachsenen erreichen ihren Berufsabschluss zudem über eine reguläre oder verkürzte berufliche Grundbildung – beides Wege, die wenig flexibel, wenig erwachsenegerecht und relativ teuer sind. Verbesserungen zu erzielen ist allerdings anspruchsvoll und erfordert das Engagement aller Verbundpartner, wie eine gut besuchte, gemeinsame Tagung der SGAB und der Pädagogischen Hochschule Zürich deutlich machte. Wie es gehen könnte, zeigten einige Best Practices, zum Beispiel die modularisierten Ausbildungen am Centre Interrégional de Perfectionnement (CIP) in Tramelan.

Autor Berufsbildung für Erwachsene: Herausforderungen für die Ver-bundpartner
Von Markus Maurer
Markus Maurer ist Professor für Berufspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Zürich.

Die Verbesserung des Zugangs von Erwachsenen zu den Abschlüssen der Berufsbildung gelingt nur durch eine umfassende Diskussion der Herausforderungen und zielführender Modelle. Aus diesem Grund führt die PH Zürich seit Anfang 2014 eine Veranstaltungsreihe zur Berufsbildung für Erwachsene durch. Als Abschluss der Veranstaltungen im Jahr 2016 organisierte die PH Zürich gemeinsam mit der SGAB eine Tagung, in deren Zentrum die Herausforderungen standen, die die Berufsbildung für Erwachsene für die Verbundpartnerschaft mit sich bringt. Die Tagung fand am 10. November 2016 statt und richtete sich an Berufsbildungsverantwortliche, Berufs- und Laubahnberatende, an Vertreterinnen von Arbeitsmark- und Sozialbehörden sowie an Vertreter der Verbundpartner der Berufsbildung (Bund, Kantone, Organisationen der Arbeitswelt).

Teil 1: Modell 2025

Berufsbildungszentren für Erwachsene könnten die Sichtbarkeit der Berufsbildung für Erwachsene erhöhen. Zudem könnten sie sicherstellen, dass auch Berufsbildungsangebote inhaltlich und didaktisch/methodisch besser an den Erwartungen und Fähigkeiten von Erwachsenen ausgerichtet würden.

In einem ersten Block wurden die aktuellen Herausforderungen auf Systemebene und konkrete Handlungsempfehlungen vorgestellt und diskutiert, ausgehend vom Buch «Berufsabschluss für Erwachsene» von Markus Maurer, Emil Wettstein und Helena Neuhaus (2016).

In seinem Beitrag zur Angebotslandschaft und ihren Herausforderungen diskutierte Markus Maurer (PH Zürich) die vier für Erwachsene bestehenden Wege zum Berufsabschluss und ihre Hürden. Er machte deutlich, dass aufgrund der hohen Anforderungen an einschlägiger Berufserfahrung die grosse Mehrheit der Erwachsenen ihren Berufsabschluss auf jenen zwei Wegen erreichen (reguläre und verkürzte berufliche Grundbildung), die insgesamt wenig flexibel und wenig erwachsenegerecht sind und im Vergleich zum Validierungsverfahren und dem direkten Zulassung zum Qualifikationsverfahren auch mit wesentlich höheren indirekten Kosten verbunden sind. Wäre es möglich, mehr Erwachsene Angeboten mit deutlich geringeren Hürden zuzuführen, liesse sich – so die Annahme Maurers – die Zahl von Erwachsenen erhöhen, die einen Berufsabschluss erwerben. Diese ist im Vergleich zur hohen Zahl von Menschen ohne Abschluss auf Sekundarstufe II im schweizerischen Arbeitsmarkt weiterhin relativ gering (2015: 8’315).

Ausgehend von diesen Überlegungen präsentierte Emil Wettstein (Berufsbildungsprojekte) das «Modell 2025» für die Berufsbildung für Erwachsene, wie es auch im erwähnten Buch dargestellt wird. Das Modell setzt auf ein einheitliches Verfahren für sämtliche Erwachsenen, die mindestens fünf Jahre Berufserfahrung vorweisen können. Das Verfahren umfasst drei Phasen:

  • Planung
  • Ergänzende Bildung
  • Qualifikationsverfahren

Die ergänzende Bildung erfolgt nach einem modularisierten, gestuften Curriculum, dessen Module mit Leistungsnachweisen abzuschliessen sind. Je nach zu erwartendem Mengengerüst ist eine starke Zusammenarbeit der Kantone wichtig; allenfalls liessen sich sogar speziell für Erwachsene vorgesehene Ausbildungszentren schaffen. Im Unterschied zum bestehenden Validierungsverfahren sollten berufspraktische Kompetenzen auch in Betrieben erworben werden, die nach Möglichkeit spezielle Praktikumsstellen anbieten. In diesem Sinn, und auch im Unterschied zum bestehenden Validierungsverfahren, setzt das Modell 2025 beim Qualifikationsverfahren schliesslich stärker auch auf die Überprüfung der berufspraktischen Kompetenzen.

Bruno Weber-Gobet (TravailSuisse) würdigte sodann das Modell 2025 kritisch aus der Sicht eines Vertreters der Verbundpartnerschaft, vor allem die Idee der Berufsbildungszentren für Erwachsene. Aus seiner Sicht könnten solche Zentren die Sichtbarkeit der Berufsbildung für Erwachsene erhöhen («Marketing»). Zudem könnten sie sicherstellen, dass auch Berufsbildungsangebote inhaltlich und didaktisch/methodisch besser an den Erwartungen und Fähigkeiten von Erwachsenen ausgerichtet würden. Eine Pionierrolle könnten solche Zentren gerade auch mit Blick auf digitalisierte Formen der Ausbildung einnehmen (Blended Learning). Gleichzeitig gebe es aber auch eine Menge ungelöster Fragen, so Weber, etwa im Hinblick auf die Trägerschaft und die Finanzierung solcher Zentren sowie die Mengengerüste in den einzelnen Berufen.

Teil 2: Erfahrungen aus unterschiedlichen Branchen

Ausländische Arbeitskräfte machten 2015 55 Prozent der Vollzeitbeschäftigen in der Baubranche aus. Aus diesem Grund initiierte der Baumeisterverband das Projekt «Berufliche Grundbildung für Erwachsene».

Im Rahmen von vier Workshops im zweiten Teil der Tagung stellten Vertreterinnen und Vertretern dreier Verbände und eines Betriebs ihre Erfahrungen mit der Berufsbildung für Erwachsene vor. Dieser betriebliche Blick auf das Thema ist deshalb entscheidend, weil sich das Ziel, mehr Erwachsene der Berufsbildung zuzuführen, ohne Unterstützung der Branchen nicht erreichen lässt.

Ulrich Büchi, Leiter Berufsbildungspolitik beim Schweizerischen Baumeisterverband (SBV), zeigte in seinem Beitrag die grosse Bedeutung des Themas für das Bauhauptgewerbe auf. Ausländische Arbeitskräfte machten 2015 55 Prozent der Vollzeitbeschäftigen in dieser Branche aus. Aus diesem Grund initiierte der SBV 2014 mit Unterstützung des SBFI das Projekt «Berufliche Grundbildung für Erwachsene». Ziel dieses Projekts ist es, motivierten Mitarbeitenden mit Berufserfahrung den Weg zu einem Berufsabschluss zu erleichtern, nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Ermöglichung eines Abschlusses der Höheren Berufsbildung (Polier; Bauführer).

Sévérine Favre, zuständig für die Berufsbildung beim Arbeitgeberverband der schweizerischen Uhrenindustrie (CP), präsentierte den seit vielen Jahren verfolgten Weg der Industrie. In Zusammenarbeit mit dem Centre Interrégional de Perfectionnement (CIP) in Tramelan (BE) hat die Industrie eine vollkommen modularisierte Ausbildung geschaffen, die über Zwischenabschlüsse zu einem EFZ führt. Die Dauer der Ausbildung ist mit sechs Jahren zwar lang. Doch weil sie sich mit der Anstellung in der Industrie praktisch ohne Arbeitsausfall verbinden lässt, sind die indirekten Kosten gering.

Karin Fehr, Geschäftsführerin Savoir Social, ging in ihrem Beitrag vom enormen Fachkräftebedarf des Sozialbereichs aus. Eine jüngere Studie zeigt, dass 2014 von allen Beschäftigten in diesem Berufsfeld über 64 Prozent Quereinsteiger/innen waren und somit ein beträchtlicher Qualifizierungsbedarf besteht. Im Vergleich zu anderen Berufen ist die verkürzte Grundbildung im Beruf Fachfrau/Fachmann Betreuung EFZ verhältnismässig stark verbreitet, dies auch deshalb, weil dafür kein EFZ verlangt wird; die Kandidatinnen müssen lediglich das 22. Altersjahr überschritten haben und mindestens zwei Jahre einschlägige Berufserfahrung vorweisen.

Ingrid Oehen, Leiterin Ausbildung Gesundheitsberufe am Kantonsspital Luzern, vertrat ein weiteres Berufsfeld mit einem ausserordentlich grossen, weiter wachsenden Fachkräftebedarf. Im Beruf Fachfrau/Fachmann Gesundheit EFZ hat sich das Validierungsverfahren durchgesetzt. Die Zentralschweiz arbeitet dabei schon seit Längerem mit einem Ansatz, der Kandidierende dazu verpflichtet, im angestrebten Beruf tätig zu sein. und der gleichzeitig das Anspruchsniveau des Verfahrens durch den Einbezug von Rückmeldungen von Arbeitgebern moderat zu halten versucht. 

Teil 3: Podium Verbundpartnerschaft

Der dritte Teil der Veranstaltung bestand aus einem von Emil Wettstein moderierten Panel. Vertreten waren vier Akteure der Verbundpartnerschaft:

  • Karin Fehr, Geschäftsleiterin Savoir Social (Kantonsrätin Grüne), Kanton Zürich
  • Roland Hohl, Geschäftsleiter, IGKG Schweiz
  • Marc Kummer, Amtschef, Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich
  • Josef Widmer, Stellvertretender Direktor, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation

Das Panel diskutierte, wie den Herausforderungen auf nationaler Ebene und jener der Kantone begegnet werden soll, welche Rolle Organisationen der Arbeitswelt und Betriebe spielen sollen und welche konkreten Angebotsformen und Finanzierungsmechanismen besonders zielführend sind.

Eine zentrale Herausforderung besteht in der Finanzierung. In diesem Bereich versucht der Bund, dass die Unterschiede zwischen den Kantonen bei der Übernahme der direkten Kosten (insbesondere beim direkten Zugang zur Abschlussprüfung) ausgeglichen werden können. Doch selbst wenn diese Frage geklärt ist, können konkrete Angebote (insbesondere von Schulseite) nur bei genügend grosser Nachfrage zur Verfügung gestellt werden. Im Gegensatz dazu wird die öffentliche Hand wohl nie vollumfänglich die für die erwachsenen Lernenden entstehenden indirekten Kosten übernehmen. Hier sind die Arbeitgeber gefragt, und auch Branchenfonds können eine wichtige Rolle spielen.

Eine weitere Herausforderung besteht in der Sensibilisierung und der Information der Zielgruppe. Diese ist direkt nur schwer zu erreichen. Wichtig ist der Zugang über Bezugspersonen, idealerweise etwa über Arbeitgeber. Doch ist dies nicht immer möglich. Eine wichtige Rolle spielen daher auch die Regionalen Arbeitsvermittlungsstellungen (RAV), deren Personal entsprechend über die Wege und das Angebot im Bereich der Berufsbildung für Erwachsene informiert sein muss. Wenn der Bund nächstens seine Informationskampagne zum Thema lanciert, sind somit auch solche Multiplikatoren angesprochen.

Auch die Schaffung erwachsenengerechter Angebote ist eine Herausforderung. Diese sollten sich erstens noch besser mit dem Berufs- und Familienleben vereinbaren lassen und daher flexibler werden. Die Schaffung solcher Angebote, v.a. von separaten Klassen für Erwachsene, ist jedoch nur dann möglich, wenn eine Nachfrage vorhanden ist. Flexibilität bedeutet jedoch nicht, dass auf zentrale Inhalte verzichten werden kann, sowohl im Theoretischen als auch im Praktischen. Ein «EFZ light» soll es nicht geben. Wichtig ist zweitens auch die noch konsequentere Anrechnung erworbener Kompetenzen; dies ist für Erwachsene wichtiger als für Jugendliche. Für die kaufmännische Berufsbildung etwa würde dies bedeuten, dass Kompetenzen, die in privaten Bildungsangeboten erworben werden, von anderen Bildungsanbietern noch besser berücksichtigt werden. Potenzial besteht drittens auch in der stärkeren Anwendung digitaler Medien, wenn auch in der Diskussion etwas umstritten blieb, inwiefern grosse Teile der sehr heterogenen Zielgruppe in der Lage wären, sich durch die Nutzung digitaler Medien Kompetenzen anzueignen. Viertens kann auch die direkte Zulassung zur Berufsprüfung (ohne EFZ) eine Rolle spielen. Eine zu starke Öffnung kann sich für die Höhere Berufsbildung jedoch negative auswirken.

Schliesslich bestehen grosse Herausforderungen auch im Bereich der Koordination, und zwar auf unterschiedlichen Ebenen. Die Koordination kann jedoch nicht durch den Bund verordnet werden. Sicher sollten die Kantone nicht je ihr eigenes Angebot entwickeln müssen. Etwa im Bereich der Allgemeinbildung wären zwei bis drei Modelle denkbar, die als sich in einzelnen Kantonen gute Praxis entwickeln und von anderen übernommen werden könnten. Wichtig ist somit, dass gute Praxis sichtbar wird. Je nach Kantonsgrösse ist zudem die Koordination aller von der Materie tangierten Verwaltungsstellen nicht ganz einfach und kann vielerorts verbessert werden. Schliesslich spielen auch die Verbände eine ganz wichtige Rolle, etwa um Modelle zu entwickeln oder bei der Verbreitung guter Beispiele bei den Betrieben.

Die Berufsbildung für Erwachsene kann nur weiterentwickelt werden, wenn alle Verbundpartner unkompliziert zusammenarbeiten.