KOF-Forschungsprojekt

Der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz ist konstant geblieben

In der öffentlichen Diskussion wird der Eindruck vermittelt, dass der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz abgenommen habe. Anhand von PISA-Daten haben Forschende der KOF genauer hingeschaut und die relativen kognitiven Kompetenzen von angehenden Berufslernenden mit denjenigen von zukünftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten verglichen. Die Ergebnisse zeigen, dass ein substanzieller Teil der Lernenden mit hohen schulischen Kompetenzen eine Berufslehre wählt. Zudem hat der soziale Status der Berufsbildung – entgegen der öffentlichen Diskussion – nicht abgenommen.

Thomas Bolli, KOF
Ladina Rageth, KOF
Ursula Renold, KOF
Von Thomas Bolli, Ladina Rageth und Ursula Renold
Thomas Bolli, Ladina Rageth und Ursula Renold arbeiten im Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich.

Als Gegenmassnahme zur hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern hat die Schweizer Berufsbildung zunehmend internationale Aufmerksamkeit erhalten. Gleichzeitig wird in der Schweiz der tiefe soziale Status der Berufsbildung im Vergleich zur gymnasialen und akademischen Ausbildung diskutiert. Unternehmen beklagen, dass es immer schwieriger werde, Lernende mit ausreichenden schulischen Kompetenzen für die Berufslehre zu finden. So berichtet die Neue Zürcher Zeitung von den zunehmenden Schwierigkeiten von Firmen, geeignete Jugendliche für eine kaufmännische Berufslehre zu rekrutieren (NZZ 17.6.2017, 25.7.2017). Gleichzeitig verstärke sich der Ansturm auf die Gymnasien (NZZ 14.1.2015, 25.7.2017).

Aus der Wissenschaft ist wenig bekannt über den sozialen Status der Berufsbildung und dessen Bestimmungsfaktoren. Um diese Lücke zu schliessen und damit die öffentliche Diskussion empirisch zu unterlegen, untersuchen Thomas Bolli, Ladina Rageth und Ursula Renold den sozialen Status der Berufsbildung in der Schweiz. Dazu verwenden die Forschenden Daten von rund 50'000 Neuntklässlerinnen und Neuntklässler, also Jugendliche am Ende der obligatorischen Schulzeit, aus den internationalen Schulleistungsuntersuchungen PISA der Jahre 2000, 2003, 2006, 2009 und 2012 (siehe www.oecd.org/pisa/). Neben den durchschnittlichen Testresultaten im Leseverständnis und in der Mathematik (im Folgenden «PISA-Kompetenzen» genannt) stützen sich die Forschenden auf Angaben der Jugendlichen zur geplanten Ausbildung nach der obligatorischen Schule, insbesondere ob diese eine Berufsbildung oder ein Gymnasium besuchen werden.

Die Verteilung der PISA-Kompetenzen

Grafik 1 zeigt auf der vertikalen Achse die Verteilung der PISA-Kompetenzen von Lernenden. Diese Kompetenzen variieren zwischen 172 und 778 PISA-Punkten. Die horizontale Achse stellt die zukünftige Aufteilung der Lernenden auf die Berufslehre und das Gymnasium dar. Die rosa Fläche repräsentiert die Verteilung der angehenden Gymnasiasteninnen und Gymnasiasten auf die verschiedenen PISA-Kompetenzen. Die blaue Fläche zeigt die Verteilung der PISA-Kompetenzen für die zukünftigen Berufslernenden. Die rote horizontale Linie bei 564 PISA-Punkten visualisiert die 40 Prozent der Lernenden mit den höchsten PISA-Kompetenzen entsprechend dem Anteil der angehenden Gymnasiastinnen und Gymnasiasten.

Von oben gelesen zeigt Grafik 1, dass sich die Lernenden mit den höchsten PISA-Kompetenzen für ein Gymnasium entscheiden. Allerdings haben auch die besten angehenden Berufslernenden sehr hohe PISA-Kompetenzen. Folglich befinden sich viele angehende Berufslernende oberhalb der roten Linie von 564 PISA-Punkten, und die Fähigkeiten von angehenden Berufslernenden und Gymnasiasten/innen überschneiden sich stark. Dies bedeutet, dass ein substantieller Teil der Lernenden mit hohen schulischen Kompetenzen eine Berufslehre wählt.

Grafik 1: Verteilung der PISA-Kompetenzen von angehenden Gymnasiasten/innen und Berufslernenden. Daten: Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2006, 2009, 2012 zu total 47’631 Neuntklässlerinnen und Neuntklässler

Konzept zur Messung des sozialen Status der Berufsbildung

Die Forschenden untersuchen den sozialen Status der Berufsbildung anhand der Differenz der PISA-Kompetenzen von angehenden Berufslernenden und Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. Damit erfassen sie die relative Positionierung der Berufsbildung im Verhältnis zu den anderen Bildungsgängen auf der gleichen Bildungsstufe. Die Forschenden argumentieren, dass sich Jugendliche mit hohen PISA-Kompetenzen eher für eine Berufsbildung als für das Gymnasium entscheiden, wenn die Berufsbildung einen höheren sozialen Status hat. Folglich ändert sich diese Kompetenz-Differenz bei Veränderungen des sozialen Status der Berufsbildung.

Konstanter sozialer Status der Berufsbildung zwischen 2000 und 2012

Anhand der Kompetenz-Differenz analysieren die Forschenden, wie sich der soziale Status der Berufsbildung im Verhältnis zum Gymnasium zwischen 2000 und 2012 verändert hat. Grafik 2 präsentiert die entsprechenden Resultate anhand der durchschnittlichen Kompetenzen von angehenden Gymnasiastinnen und Gymnasiasten (rosa Balken) und Berufslernenden (blaue Balken) für jedes PISA-Jahr. Die roten Pfeile zeigen jeweils die Kompetenz-Differenz zwischen den beiden Gruppen von Lernenden. Die negative Differenz zwischen -78 und -84 PISA-Punkten bestätigt, dass angehende Gymnasiastinnen und Gymnasiasten im Durchschnitt etwas höhere kognitive Kompetenzen haben als angehende Berufslernende.

Interessanterweise zeigt Grafik 2, dass sich die Kompetenz-Differenz über die Zeit nicht systematisch verändert hat. Folglich hat der soziale Status der Berufsbildung – entgegen der öffentlichen Diskussion – nicht abgenommen.

Grafik 2: Stabile Entwicklung des sozialen Status der Berufsbildung über die Zeit. Daten: Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2006, 2009, 2012 zu total 51‘191 Neuntklässler/innen

Sozialer Status der Berufsbildung höher in der lateinischen Schweiz

Grafik 3 präsentiert geographische Unterschiede im sozialen Status der Berufsbildung. Dabei wird nur noch die Kompetenz-Differenzen zwischen angehenden Berufslernenden und Gymnasiastinnen und Gymnasiasten gezeigt, die in Grafik 2 anhand der roten Pfeile dargestellt sind.

Auf der linken Seite zeigt Grafik 3, dass der soziale Status der Berufsbildung in ländlichen Regionen (weniger als 15'000 Einwohner) höher ist als in städtischen Regionen (mehr als 15'000 Einwohner), da die Kompetenz-Differenz auf dem Land geringer ist. Die rechte Seite von Grafik 2 zeigt überraschenderweise, dass der soziale Status der Berufsbildung in der Deutschschweiz tiefer ist als in der lateinischen Schweiz. Dieses unerwartete Resultat kommt dadurch zustande, dass sich die durchschnittlichen Kompetenzen angehenden Berufslernenden zwischen den Sprachregionen nur geringfügig unterscheiden, während die zukünftigen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten in der Deutschschweiz klar die höheren PISA-Kompetenzen aufweisen als diejenigen in den anderen Sprachregionen.

Grafik 3: Geographische Unterschiede im sozialen Status der Berufsbildung. Daten: Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2006, 2009, 2012 zu total 51‘191 Neuntklässlerinnen und Neuntklässler; vertikale Klammern weisen die statistische Unsicherheit aus.

Sozialer Status der Berufsbildung höher für Studierende mit in der Schweiz geborenen Eltern

Grafik 4 kategorisiert die Studierenden anhand persönlicher Charakteristika. Der erste Vergleich zeigt, dass der soziale Status der Berufsbildung sowohl für Männer und Frauen etwa gleich hoch ist. Gemäss dem zweiten Vergleich ist der soziale Status der Berufsbildung zudem unabhängig von der Bildungsherkunft der Jugendlichen, also davon, ob ein Elternteil einen tertiären Bildungsabschluss hat oder nicht. Allerdings können die Forschenden nicht unterscheiden, ob dieser tertiäre Bildungsabschluss von einer Hochschule oder Höheren Berufsbildung stammt.

Gemäss dem dritten Vergleich ist der soziale Status der Berufsbildung am höchsten, wenn mindestens ein Elternteil in der Schweiz geboren ist. Bei den Lernenden ohne Schweizer Eltern ist der soziale Status der Berufsbildung höher, wenn mindestens ein Elternteil aus Deutschland oder Österreich stammt. Allerdings ist dieser Wert mit einer sehr grossen statistischen Unsicherheit verbunden.

Grafik 4: Sozialer Status der Berufsbildung nach persönlichen Charakteristika. Daten: Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2006, 2009, 2012 zu total 51‘191 Neuntklässler/innen für Geschlecht und Bildungsherkunft; Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2009, 2012 zu total 37‘966 Neuntklässler/innen für Geburtsland der Eltern; Vertikale Klammern weisen die statistische Unsicherheit aus.

Kenntnis des Schweizer Bildungssystems erhöht den sozialen Status der Berufsbildung

Die Ergebnisse zum Geburtsland der Eltern deuten darauf hin, dass das Wissen über die Schweizer Berufsbildung eine wichtige Rolle für deren sozialen Status spielt. Grafik 5 analysiert deshalb die Veränderung des sozialen Status der Berufsbildung mit zunehmender Aufenthaltsdauer von immigrierten Lernenden in der Schweiz. Obwohl die Kompetenz-Differenz über die Anzahl der in der Schweiz verbrachten Jahre stark variiert, reduziert sich diese tendenziell mit steigender Aufenthaltsdauer. Dies bedeutet, dass im Ausland geborene Lernende, welche mehr Zeit in der Schweiz verbracht haben, einen höheren sozialen Status der Berufsbildung haben. Dieses Ergebnis illustriert die hohe Bedeutung einer frühen Informationsvermittlung zum Schweizer Bildungssystem und Berufsberatung für Immigranten/innen.

Grafik 5: Aufenthaltsdauer in der Schweiz und sozialer Status der Berufsbildung. Daten: Gewichtete PISA-Daten für 2000, 2003, 2009, 2012 zu total 1‘126 Neuntklässler/innen

Quellenangaben

  • Bolli, T. and L. Rageth (2016): Measuring the Social Status of Education Programmes: Applying a New Measurement to Dual Vocational Education and Training in Switzerland, KOF Working Papers, No. 403, KOF Swiss Economic Institute, ETH Zurich.
  • Bolli, T., L. Rageth and U. Renold (2018): Der soziale Status der Berufsbildung in der Schweiz: Informationsbroschüre für Fachleute aus der Berufsbildung, KOF Studien, No. 110, KOF Swiss Economic Institute, ETH Zurich, (Deutsch), (Französisch), (Englisch).