KOF-Forschungsprojekt

Die duale Berufsbildung bereitet die Jugendlichen besser auf den Arbeitsmarkt vor

Duale Berufsbildungsgänge bereiten die Jugendlichen besser auf den Arbeitsmarkt vor als Allgemeinbildungsgänge. Diese Aussage lässt sich anhand eines internationalen Indikatorensets für die Jugendarbeitsmarktsituation belegen, wie ein Forschungsprojekt der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich zeigt. Damit profitiert die Schweiz von der hohen Relevanz der dualen Berufsbildung in ihrem Bildungssystem. Allerdings deuten die Ergebnisse darauf hin, dass insbesondere der Effekt von schulischen Berufsbildungsgängen von deren Ausgestaltung und Qualität abhängt.

Thomas Bolli
Maria Esther Oswald-Egg
Ladina Rageth
Von Thomas Bolli, Maria Esther Oswald-Egg und Ladina Rageth
Thomas Bolli, Maria Esther Oswald-Egg und Ladina Rageth arbeiten im Forschungsbereich Bildungssysteme der KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich.

In Zeiten hoher Jugendarbeitslosigkeit beschäftigen sich Politiker zunehmend mit dem effizienten Zusammenwirken von Bildungssystem und Jugendarbeitsmarkt. Die deutschsprachigen Länder mit ihrem ausgeprägten Berufsbildungssystem werden dabei immer wieder für ihre vorbildliche Jugendarbeitsmarktsituation gelobt. Da jedoch erst wenig über diesen Zusammenhang bekannt ist, erforschen wir den Einfluss der Berufsbildung auf die Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt und auf deren Anstellungsbedingungen (Bolli et al., 2017). Dabei ist vorwegzunehmen, dass das Bildungssystem nicht der einzig mögliche Grund für die vorbildliche Situation in den deutschsprachigen Ländern ist. Vielmehr sind auch Kontextbedingungen, zum Beispiel die generelle Situation des Arbeitsmarkts, die Arbeitsschutzgesetzgebung oder die wirtschaftliche Entwicklung, zu berücksichtigen.

Die Schweiz tut gut daran, ihr bestehendes Berufsbildungssystem mit einem hohen Anteil an dualer Berufsbildung zu bewahren.

Verschiedene Autoren argumentieren, dass Berufsbildungsgänge die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts besser abdecken als Allgemeinbildungsgänge (wie beispielsweise das Gymnasium in der Schweiz) und damit zu einer besseren Jugendarbeitsmarktsituation führen (z.B. Bol und Van de Werfhorst, 2013; Levels et al., 2014). Erstens vermittelten Berufsbildungsgänge den Jugendlichen spezifische Berufskompetenzen, die sie später am Arbeitsplatz direkt anwenden könnten. Zweitens könnten die Jugendlichen insbesondere in der dualen Berufsbildung (wie die Berufslehren in der Schweiz) die schulische Ausbildung mit dem Lernen in der Praxis verbinden. So könnten die auf dem Arbeitsmarkt an Bedeutung gewinnenden Soft Skills am besten am Arbeitsplatz vermittelt werden (Bolli und Renold, 2017). Drittens ermögliche der Einbezug der Betriebe eine Zusammenarbeit zwischen dem Bildungssystem und den Arbeitgebern, wodurch die Ausbildung besser auf deren Qualifikationsbedürfnisse eingehen könne.

Aus diesen Argumenten leiten wir die Hypothese ab, dass Berufsbildungsgänge für eine bessere Arbeitsmarktintegration und Anstellungsbedingungen sorgen als Allgemeinbildungsgänge. Zudem vermuten wir, dass die duale Berufsbildung, dank ihrem hohen Anteil an Ausbildung im Betrieb, besser abschneidet als die schulische Berufsbildung. Allerdings profitieren Betriebe von Arbeitskräften mit unterschiedlichen Fähigkeiten (Lazear, 1999), weshalb wir davon ausgehen, dass der Arbeitsmarkt das gleichzeitige Vorhandensein von Allgemeinbildungsgängen und Berufsbildungsgängen honoriert. Damit verbessert eine Erhöhung des Anteils Lernender in der Berufsbildung die Arbeitsmarktsituation stärker, wenn ein Land bisher wenig Berufsbildung hat, als wenn bereits ein grosser Anteil der Jugendlichen eine Berufsbildung erhält.

Indikatoren für das Bildungssystem und die Jugendarbeitsmarktsituation

Zur Untersuchung unserer Hypothesen verwenden wir Längsschnittdaten von 35 Ländern für den Zeitraum 2004 bis 2014. Basierend auf Daten der OECD zur Sekundarstufe II erfassen wir das Bildungssystem in diesen Ländern anhand der Anteile der Lernenden in der dualen Berufsbildung und in der schulischen Berufsbildung im Verhältnis zum Anteil derjenigen in der Allgemeinbildung. Wie die folgende Abbildung zeigt, definiert die OECD (2004) die Allgemeinbildung als alle Bildungsgänge mit weniger als 25% berufsspezifischem Inhalt. Die beiden Arten von Berufsbildungsgängen werden dadurch unterschieden, dass in der dualen Berufsbildung mehr als 25% der Ausbildung am Arbeitsplatz und mindestens 10% in einem schulischen Umfeld  erfolgt.

Um die Arbeitsmarktsituation der 15- bis 24-jährigen Jugendlichen in den untersuchten Ländern abbilden zu können, erfassen wir sowohl deren Integration in den Arbeitsmarkt als auch deren Anstellungsbedingungen. Im folgenden Kasten werden die zehn dabei verwendeten Indikatoren aufgeführt, wobei neun dieser Indikatoren auf dem KOF Jugendarbeitsmarktindex (Renold et al. 2014) basieren; zusätzlich beziehen wir den kaufkraftbereinigten mittleren Stundenlohn zur Beschreibung der finanziellen Situation der Jugendlichen ein. Unsere Analyse beschränkt sich damit auf den Arbeitsmarkteinstieg von Jugendlichen und kann keine Aussagen zu den langfristigen Auswirkungen, beispielsweise Einkommensentwicklung und Mobilität, machen.

Indikatoren für die Arbeitsmarktintegration von Jugendlichen

  • Erwerbslose
  • Erweiterte Erwerbslose: Erwerbslose und Entmutigte
  • Langzeiterwerbslose: Erwerbslose, die länger als ein Jahr ohne Anstellung sind
  • NEET: Jugendliche, die sich weder in einer Anstellung noch in Ausbildung befinden

Indikatoren für die Anstellungsbedingungen von Jugendlichen

  • Temporärarbeit: Erwerbstätige mit einem befristeten Arbeitsvertrag unter 18 Monaten
  • Unfreiwillig Teilzeiterwerbstätige
  • Atypische Arbeitszeiten: Erwerbstätige, die an Sonntagen, nachts oder unregelmässig arbeiten
  • Qualifikations-Mismatch: Differenzen zwischen dem Anteil der Erwerbstätigen und demjenigen der Erwerbslosen pro Bildungsniveau
  • Armutsgefährdete Erwerbstätige: Erwerbstätige, die weniger als 60% des nationalen Durchschnittseinkommens verdienen
  • Mittlerer Stundenlohn der Erwerbstätigen

Duale Berufsbildung verbessert die Jugendarbeitsmarktsituation

Die Ergebnisse bestätigen unsere Hypothesen für die duale Berufsbildung. Ein höherer Anteil Lernender in der dualen Berufsbildung verbessert alle Indikatoren der Jugendarbeitsmarktintegration. Zudem verbessert die duale Berufsbildung die Anstellungsbedingungen der Jugendlichen: Sie reduziert die Anteile der unfreiwilligen Teilzeiterwerbstätigen, der Erwerbstätigen mit atypischen Arbeitszeiten und der armutsgefährdeten Erwerbstätigen. Diese Ergebnisse zur dualen Berufsbildung bestätigen, dass die starke Gewichtung der Ausbildung im Betrieb die Jugendlichen optimal auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Damit tut die Schweiz gut daran, ihr bestehendes Berufsbildungssystem mit einem hohen Anteil an dualer Berufsbildung zu bewahren. Zudem kann die duale Berufsbildung dazu beitragen, die Jugendarbeitsmarktsituation in anderen Ländern zu verbessern.

Allerdings zeigen unsere Resultate auch, dass es einen abnehmenden Grenznutzen der dualen Berufsbildung gibt. Während der Ausbau der dualen Berufsbildung bei wenig Lernenden in diesen Bildungsgängen einen starken positiven Effekt auf die Jugendarbeitsmarktsituation hat, nimmt dieser Zusatznutzen mit steigendem Anteil Lernender ab. Dieses Resultat bestätigt, dass die verschiedenen Ausbildungen auf dem Arbeitsmarkt komplementär sind.

Schulische Berufsbildung ungenügend

Entgegen unseren Hypothesen verschlechtert ein höherer Anteil Lernender in der schulischen Berufsbildung tendenziell die Jugendarbeitsmarktsituation.

Überraschend sind jedoch die Ergebnisse für die schulische Berufsbildung. Entgegen unseren Hypothesen verschlechtert ein höherer Anteil Lernender in der schulischen Berufsbildung tendenziell die Jugendarbeitsmarktsituation. Die einzige Ausnahme bildet der mittlere Stundenlohn, der nach einem Ausbau der schulischen Berufsbildung leicht höher ist. Hingegen führt eine Zunahme der Lernenden in schulischen Berufsbildungsgängen zu mehr Entmutigten, Langzeiterwerbslosen, unfreiwilliger Teilzeitarbeit und Qualifikations-Mismatch. Allerdings trifft dies nur bei einem geringen Anteil von Lernenden in der schulischen Berufsbildung zu. Bei einem hohen Anteil zeigen unsere Ergebnisse, dass ein Ausbau der schulischen Berufsbildung entweder gar keinen oder im Fall der Langzeiterwerbslosen sogar einen positiven Effekt haben kann – ein seltsames Ergebnis, das darauf hindeuten könnte, dass es weitere Unterschiede in der Ausgestaltung und Qualität von Berufsbildungsgängen gibt, die wir mit der verwendeten Differenzierung anhand von Bildungsinhalten und Lernorten nicht abbilden können.

Diese Ergebnisse weisen darauf hin, dass die schulische Berufsbildung die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts nicht befriedigend abdecken kann. Dies könnte einerseits daran liegen, dass diese Bildungsgänge zu schulorientiert sind und damit zu wenig praxisorientierte Ausbildung im Betrieb beinhalten. Ein anderer Grund ist womöglich, dass der schulischen Berufsbildung die Zusammenarbeit zwischen dem Bildungssystem und den Arbeitgebern fehlt, was zu veralteten Qualifikationsstandards führen kann. Die Resultate für die schulische Berufsbildung können jedoch nicht auf die Schweiz übertragen werden, da hierzulande die dualen und schulischen Berufsbildungsgänge zum gleichen Abschluss führen und damit auf den gleichen Qualifikationsstandards beruhen. Dieser Umstand wird in der von der OECD vorgenommenen Differenzierung zwischen Berufsbildungsgängen nicht berücksichtigt.

Danksagung: Wir bedanken uns bei der Gebert Rüf Stiftung für die finanzielle Unterstützung.

Weitere Forschung: KOF Education-Employment Linkage Index (KOF EELI)

In einem weiteren Forschungsprojekt untersucht die KOF ETHZ, wie erfolgreiche Berufsbildungsgänge identifiziert und international verglichen werden können (Renold et al., 2015, 2016; Rageth und Renold, 2017). Basierend auf einem theoretischen Argument legen wir dar, warum die Koppelung zwischen Akteuren des Bildungs- und Beschäftigungssystems eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche Berufsbildungsgänge ist. Nur diese Koppelung ermöglicht es, die Lernenden mit denjenigen Qualifikationen auszustatten, welche sie auf dem Arbeitsmarkt benötigen und welche ihnen gleichzeitig gestatten, sich formal weiterzubilden. Anhand des KOF EELI (KOF Education-Employment Linkage Index) messen wir die Koppelungsintensität zwischen Akteuren des Bildungs- und Beschäftigungssystems. Im idealen Fall sind beide Arten von Akteuren in allen Phasen des Bildungsprozesses involviert, also in der Definition, Umsetzung und Aktualisierung der Qualifikationsstandards. Wenn diese Zusammenarbeit nicht ideal ist, hat im Extremfall entweder das Bildungssystem oder das Beschäftigungssystem die alleinige Gestaltungsmacht. Während Berufsbildungsgänge im ersten Extremfall daran scheitern, ihre Lernenden auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten, können sie im anderen Extremfall den Lernenden keinen Zugang zu einer weiteren Karriere im Bildungssystem bieten.

Quellenangaben

Bol, T. und H. G. Van de Werfhorst (2013). Educational Systems and the Trade-off between Labor Market Allocation and Equality of Educational Opportunity. Comparative Education Review, 57(2):285–308.

Bolli, T. und U. Renold (2017). Comparative Advantages of School and Workplace Environment in Skill Acquisition: Empirical Evidence from a Survey among Professional Tertiary Education and Training Students in Switzerland. Evidence-based HRM: A Global Forum for Empirical Scholarship, 5(1):1-34.

Bolli, T., Egg, M. E und L. Rageth (2017). Meet the Need – The Role of Vocational Education and Training for the Youth Labour Market. KOF Working Papers 429. KOF, ETH Zürich.

Lazear, E. P. (1999). Globalisation and the market for team-mates. The Economic Journal, 109(454):15–40.

Levels, M., Van der Velden, R. und V. Di Stasio (2014). From School to Fitting Work: How Education-to-job Matching of European School Leavers is Related to Educational System Characteristics. Acta Sociologica, 57(4):341–361.

OECD (2004). OECD Handbook for Internationally Comparative Education Statistics. Concepts, Standards, Definitions and Classifications. OECD Publishing, Paris.

Rageth, L. und U. Renold (2017). The Linkage between the Education and Employment Systems: Ideal Types of Vocational Education and Training Programs. KOF Working Papers No. 432. KOF, ETH Zürich.

Renold, U., Bolli, T., Caves, K., Rageth, L., Agarwal, V. und F. Pusterla (2015). Feasibility Study for a Curriculum Comparison in Vocational Education and Training. Intermediary Report I: The 20 Top Performers. KOF Studies No. 70. KOF, ETH Zürich.

Renold, U., Bolli, T., Caves, K., Bürgi, J. Egg, M. E., Kemper, J. und L. Rageth (2016). Feasibility Study for a Curriculum Comparison in Vocational Education and Training. Intermediary Report II: Education-Employment Linkage Index. KOF Studies No 80. KOF, ETH Zürich.

Renold, U., Bolli, T., Egg, M. E. und F. Pusterla (2014). On the Multiple Dimensions of Youth Labour Markets. A Guide to the KOF Youth Labour Market Index. KOF Analysis No. 51.