Stellungnahme zum Beitrag «Berufsabschluss für Erwachsene – neue Daten, neue Fragen»

Einseitig und nicht immer korrekt

In der letzten Ausgabe des SGAB-Newsletters besprach Emil Wettstein die beiden neuen Untersuchungen zum «Berufsabschluss für Erwachsene», welche im Auftrag des SBFI erstellt wurden. Die Autoren und Autorinnen der Absolventenstudie, sind der Auffassung, dass der Beitrag die Ergebnisse der Studie sehr einseitig reflektiere und nicht immer korrekt interpretiere. Sie publizieren in einer Stellungnahme ihre Sicht der Dinge.

Sabine Schmidlin
Martin Schmid
Von Sabina Schmidlin und Martin Schmid
Sabina Schmidlin ist Geschäftsleiterin von across concept GmbH; Martin Schmid ist Dozent für Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule FHNW.

Die Ausführungen von Emil Wettstein beziehen sich ausschliesslich auf die quantitative Online-Befragung von 6'000 Absolventinnen und Absolventen, die ihre berufliche Grundbildung im Jahr 2015 abgeschlossen haben. Zwar erwähnt der Verfasser in der Einleitung des Artikels die beiden anderen befragten Zielpopulationen: Erwachsene, die an einer beruflichen Grundbildung interessiert waren, diese dann aber doch nicht begonnen haben, sowie Erwachsene, die ihre Ausbildung abgebrochen haben. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen geht er aber nicht weiter auf diese Zielgruppen ein. Das ist schade, denn deren Analyse hat ebenfalls interessante Befunde ergeben, die zu thematisieren lohnenswert gewesen wären. Am Rande sei hier bemerkt, dass Emil Wettstein die angewendeten Forschungsmethoden nicht korrekt wiedergibt und die telefonischen Interviews irrtümlich der Zielgruppe der interessierten Nicht-Teilnehmenden zuweist.

Im Folgenden gehen wir auf die aus unserer Sicht falsch wiedergegebenen oder falsch verstandenen Aussagen von Emil Wettstein ein. Dazu werden die entsprechenden Textabschnitte zitiert und im Anschluss daran Stellung bezogen.

E.W: «Dank dem Einsatz der neuen «Längsschnittanalysen im Bildungsbereich» (LABB) des Bundesamtes für Statistik konnte erstmals der Anteil der Erstausbildungen an den Abschlüssen ermittelt werden. Die bisherigen Schätzungen reichten von 10% bis 90%, gemäss der LABB sind es 42%. Also haben rund 2500 Personen im Alter von mindestens 25 Jahren 2015 zum ersten Mal eine eidgenössisch zertifizierte berufliche Grundbildung abgeschlossen.»

Die Zahlen sind zwar richtig, der Bezug auf die Datenquelle ist jedoch falsch. Aus der LABB lässt sich nicht herauslesen, wer einen Erst- und wer einen Zweitabschluss gemacht hat. Die Zeitreihe ist derzeit noch zu kurz und erlaubt keine solchen Aussagen. Die in der Studie ausgeführten Daten stammen aus der Online-Befragung der Absolventen und Absolventinnen. Ergänzend muss festgehalten werden, dass sich die Zahlen auf Personen beziehen, die bei Ausbildungsbeginn mindestens 25 Jahre alt waren.

E.W: «Der Bericht macht auch Aussagen über den gewählten Weg zum Abschluss: 47% haben den Abschluss über eine reguläre oder eine verkürzte Grundausbildung angestrebt, 43% über die direkte Zulassung zur Abschlussprüfung und 10% über das Validierungsverfahren. Diese Zahlen weichen markant von bisherigen, als gültig angenommenen Werten ab. Die Unterschiede werden im Bericht nicht diskutiert.»

An verschiedener Stelle im Bericht (z.B. S. 33ff) wird darauf hingewiesen, welche Grundgesamtheit den Auswertungen zugrunde gelegt wurde. Zielpopulation der Studie waren Personen, die nach dem 24. Altersjahr eine berufliche Grundbildung angefangen haben. Die Resultate unterscheiden sich in der Tat von früheren Studien. Weshalb dies so ist, kann nur vermutet werden: Es ist anzunehmen, dass die Grundgesamtheit früherer Berechnungen aus Absolventinnen und Absolventen besteht, die mit 25 Jahren oder älter eine berufliche Grundbildung abgeschlossen haben. Leider wird die Grundgesamtheit in den jeweiligen Studien nicht hinreichend expliziert (vgl. Maurer et al. 2016, Wettstein 2016), so dass ein Vergleich oder eine Diskussion nicht sinnvoll ist.

E.W: «Ich frage mich, ob die häufige Nennung von intrinsischen Motiven eine Folge der positiven Wertung dieser Faktoren in der Bevölkerung ist. Wird diese Angabe für bare Münze gehalten, könnten Arbeitslosenkassen und Sozialbehörden fragen, weshalb sie eine solche Ausbildung finanzieren sollen.»

In den qualitativen Designs zeigt sich an verschiedenen Stellen, dass eine hohe intrinsische Motivation die zentrale Voraussetzung ist, damit ein Berufsabschluss im Erwachsenenalter gelingt. Die häufige Nennung der intrinsischen Motivation hängt aber auch damit zusammen, dass Teilnehmende sowie an einer Ausbildung interessierte Personen befragt wurden. Die verschiedenen Samples werden ausführlich beschrieben (z.B. S.43ff). Erwachsene, die sich von sich aus nie für eine berufliche Grundbildung interessiert haben, wurden nicht befragt. Es können deshalb auch keine Aussagen über diese Personen sowie über die Handlungsoptionen von Arbeitslosenkassen und Sozialbehörden gemacht werden. Ferner sei darauf hingewiesen, dass soziale Erwünschtheit durchaus eine Rolle spielen mag. Es scheint jedoch anmassend, den Befragten nicht zuzutrauen, dass sie objektiv einschätzen können, was sie zur Teilnahme an einer Ausbildung veranlasst hat.

E.W: «Auch andere Aussagen scheinen mir nicht sehr plausibel: Beispielsweise fühlen sich 48% nach der Ausbildung nicht kompetenter als vorher (S. 110).»

Diese Interpretation ist nicht korrekt. Es handelt sich dabei um eine Mehrfachantwort mit verschiedenen Antwortvorgaben, von denen die zutreffenden angekreuzt werden mussten. So kann es sein, dass sich jemand zwar nicht kompetenter fühlt, stattdessen aber mehr Selbstvertrauen gewonnen hat. Um dies aufzuzeigen, werden in der Studie ähnliche Items zusammen ausgewiesen und den Bereichen «persönliche Weiterentwicklung», «Existenzsicherung», «Arbeit» sowie «Gesundheit» zugewiesen (S.110-112). Inhaltlich muss bezogen auf die Interpretation von Emil Wettstein angemerkt werden, dass bei Personen, die über viel Berufserfahrung verfügen, es durchaus möglich ist, dass sie sich nach dem Abschluss nicht wirklich kompetenter fühlen. Dies kann zum Beispiel beim Direktzugang zum Qualifikationsverfahren der Fall sein, wenn die Person nach dem Berufsabschluss nach wie vor die selbe Tätigkeit ausübt. Insgesamt aber, und diese Information wurde von Emil Wettstein unterschlagen, haben 94 Prozent der Befragten angegeben, dass sich für sie nach dem Abschluss in mindestens einem Lebensbereich etwas positiv verändert hat.

E.W: «Zu denken gibt, dass laut der Aussagen der Befragten der Lohn 1 bis 1,5 Jahre nach Abschluss nur bei 45% gestiegen ist. Sozialämter unterstützen Nachholbildungen in der Annahme, dass sich dank steigendem Einkommen eine weitere Unterstützung erübrigt. Ihnen muss erklärt werden, dass der Erwerb einer Grundausbildung heute oft erst indirekt über eine Weiterbildung oder eine Kaderposition einkommensrelevant wird.»

In der Studie weist das Kapitel 8.11.4 auf dieses Phänomen hin. Der Abschluss kann zudem bei älteren Teilnehmenden weniger lohnrelevant sein, da sie nach dem Abschluss seltener die Arbeitsstelle wechseln. Dies gilt insbesondere für Personen, die die Direktzulassung oder das Validierungsverfahren gewählt haben. Aus der Perspektive der Absolventinnen und Absolventen war der Lohn auch nur am Rande ein Grund, eine berufliche Grundbildung in Angriff zu nehmen. Ihnen ging es vielmehr darum, Zusätzliches für ihren Beruf zu lernen sowie einen anerkannten Abschluss zu haben, um sich vor Arbeitslosigkeit zu schützen. Darüber hinaus gilt es anzumerken, dass die Zielgruppen der Studie nicht explizit Sozialhilfebeziehende waren (sie machen im Sample nur gut 1% aus), sondern allgemein Erwachsene, die sich für eine berufliche Grundbildung interessiert, eine solche angefangen und/oder abgeschlossen haben.

E.W: «Der Vergleich von Erwartungen mit der Realität nach der Ausbildung stimmt pessimistisch: Mehr Verantwortung konnten nur 8% derjenigen Personen übernehmen, die dies als einen wichtigen Grund für die Aufnahme der Ausbildung bezeichneten. Von denen, die mehr Anerkennung erwarteten, hat sich dies bei 7% verwirklicht, interessantere Aufgaben haben 1% bekommen. (S. 113)»

Im Bericht wird auf diesen methodologischen Effekt ausführlich eingegangen: «Einzelne Items wurden in der Befragung sowohl hinsichtlich der Motive für den Ausbildungsbeginn als auch bei der Frage, was sich seit dem Berufsabschluss verändert hat, abgefragt. Da es sich bei der Frage zu den Gründen um eine Viererskala und bei der Frage zu den Veränderungen um eine Mehrfachantwort handelt, können die beiden Fragen methodisch nicht perfekt miteinander gemessen werden. Die Antworten der beiden Fragen wurden dennoch gegenübergestellt und verglichen, ob Personen, die ein Item als wichtigen bis sehr wichtigen Grund für den Ausbildungsentschluss genannt haben, das gleiche Item auch bei der Frage zu den Veränderungen nach dem Berufsabschluss angekreuzt haben» (S. 112). [….] «Die im Allgemeinen relativ geringe Zahl realisierter Ausbildungsmotive liefern einen Hinweis darauf, dass Gründe, die vor Beginn der beruflichen Grundbildung wichtig waren, nach erfolgreichem Ausbildungsabschluss allenfalls nicht mehr so wichtig bzw. in den Hintergrund getreten sind und bei der Beantwortung der Frage hinsichtlich der Veränderungen seit Ausbildungsabschluss andere Schwerpunkte gelegt wurden» (S. 113).

E.W: «Zu diskutieren sind auch die Aussagen zur finanziellen Situation: Nur ein Drittel aller Befragten erlebten die finanzielle Situation als schwierig (S. 106). 65% erhielten Unterstützung, besonders oft von Arbeitgebern. (Abb. 24). Also ist die finanzielle Situation kein drängendes Problem?»

Diese Aussage stimmt so nicht. Die Abbildung 30 (S. 106) macht eine andere Aussage: Gut ein Drittel empfand die finanzielle Situation als belastend. Bessere Hinweise liefert aber die Abbildung 31 (S. 107). Hier zeigt sich, dass sich 38 Prozent während der Ausbildung finanziell einschränken mussten und 18 Prozent grosse Mühe hatten, den Lebensunterhalt zu bestreiten. Dies trifft insbesondere auf Personen mit regulären und verkürzten Ausbildungen zu. Die von Emil Wettstein erwähnte Abbildung 24 macht keine entsprechenden Aussagen, sondern zeigt, durch wen (Arbeitgeber, Partner etc.) die Absolventen und Absolventinnen finanzielle Unterstützung erhalten haben. Wie hoch diese ausfällt und in welcher Form sie ausgezahlt wird, sagt die Grafik nicht.

E.W: «Beachten wir, dass in diese Auswertung ausschliesslich Personen einbezogen wurden, die die Ausbildung vollständig durchlaufen haben, die also einen Weg zur Finanzierung ihrer Ausbildung gefunden haben. Bei denjenigen, die verzichtet oder abgebrochen haben, dürften diese Werte deutlich anders aussehen.»

Dieser Aspekt wird im qualitativen Teil zu den Nicht-Teilnehmenden ausführlich behandelt.

E.W: «Vielleicht sind Stellenlose überrepräsentiert unter den 42% der Befragten, die die Umfrage beantwortet haben. Trotzdem: Dieser hohe Wert muss Anlass zu weiteren Abklärungen geben, wenn der Nutzen der Nachholbildung nicht in Zweifel gezogen werden soll!»

Die Befragung ist repräsentativ. Es ist nicht davon auszugehen, dass diese Angaben bis auf minime Schwankungen zutreffen. Tatsächlich sollte aber die hohe Erwerbslosigkeit von 10% nach Abschluss der beruflichen Grundbildung zu denken geben (darauf wird in der Studie auf S. 108 hingewiesen). Zu diskutieren wäre an dieser Stelle u.a., ob die Betroffenen immer die richtige Ausbildung wählen oder ob sie besser beraten werden müssten im Sinne einer zukunftsorientierten Laufbahngestaltung mit dem Ziel, dass der Abschluss die Erwerbstätigkeit langfristig sichert und gleichzeitig einen Anschluss ermöglicht.

Literatur: