Regionale Gelegenheitsstrukturen und nachobligatorischer Bildungserwerb in der Deutschschweiz

Gelegenheit macht Bildung

Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft, dem besuchten Schultyp auf der Sekundarstufe I und dem nachobligatorischen Bildungserwerb ist hinreichend belegt. Eine Studie zeigt nun für die Schulabgangskohorte 2013, dass die Bildungsaspirationen von Jugendlichen durchaus auch in Zusammenhang mit regionalen Gelegenheitsstrukturen stehen. Ebenso beeinflussen diese auch den tatsächlich eingeschlagenen Bildungsweg auf der Sekundarstufe II.

Rolf Becker
David Glauser
Von David Glauser und Rolf Becker
David Glauser ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung Bildungssoziologie der Universität Bern. Rolf Becker ist Ordinarius für Bildungssoziologie an der Universität Bern.

Jugendliche stehen gegen Ende der obligatorischen Schulzeit vor einer weitreichenden Entscheidung: Wie weiter nach der Schule? Unbeantwortet war für die Schweiz bisher die Frage, inwiefern diese wichtige Bildungsentscheidung nebst individuellen und institutionellen Merkmalen von regionalen Gelegenheitsstrukturen (z.B. Ausbildungsangebote, Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt, etc.) beeinflusst wird. Und konkret: Besteht ein Zusammenhang zwischen regionalen Gelegenheitsstrukturen und der Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche im Anschluss an die 9. Klasse eine berufliche oder eine allgemeinbildende Ausbildung beginnen? Diese Fragen stehen im Vordergrund einer von den Autoren kürzlich publizierten Studie (Glauser und Becker 2016).

Jugendliche aus Regionen mit vergleichsweise eingeschränkten Gelegenheitsstrukturen verfügen demnach über geringere Möglichkeiten, eine Zwischenlösung zu absolvieren und sind deshalb eher gezwungen, direkt eine berufliche Ausbildung zu beginnen.

Als Datengrundlage der Studie wurden Daten der DAB-Panelstudie (Determinanten der Ausbildungswahl und der Berufsbildungschancen) verwendet.1 Diese Längsschnittdaten beinhalten Informationen zum Entscheidungsprozess der Ausbildungswahl auf der Sekundarstufe I als auch zum tatsächlichen Übergang und Bildungserwerb auf der der Sekundarstufe II für rund 2‘200 Jugendliche der Deutschschweiz.2 Somit kann nicht nur die Frage geklärt werden, ob ein direkter Effekt der regionalen Gelegenheitsstrukturen auf den nachobligatorischen Bildungserwerb festzustellen ist, sondern ob die Gelegenheitsstrukturen mit den Bildungsaspirationen der Jugendlichen in Zusammenhang stehen. Die Variation regionaler Gelegenheitsstrukturen wurde in den Analysen anhand amtlicher Daten des Bundesamts für Statistik (BFS) auf Ebene der MS-Regionen abgebildet.3 Berücksichtigt wurden zehn Aspekte (wie etwa Bildungsstand der Bevölkerung, Arbeitslosenquote, Anteil an Lehrlingen an Beschäftigten, Struktur der Arbeitsmarktsektoren, etc.).

Mit diesen Informationen wurde anhand einer Faktorenanalyse eine Skalenvariable gebildet, welche die Gelegenheitsstrukturen innerhalb einer Region repräsentiert. Die höchsten Werte auf der Skalenvariable sind zu beobachten für die am stärksten urbanisierten Regionen mit einem vergleichsweise tiefen (hohen) Anteil an Arbeitsplätzen im sekundären (tertiären) Sektor und in denen in jüngster Zeit ein Grossteil neuer Stellen in neuen Firmen geschaffen wurde. Für diese Regionen ist weiter charakteristisch, dass sie einen vergleichsweise tiefen Anteil an Berufslernenden an allen Beschäftigten bzw. einen hohen Anteil mit Hochschulberechtigung aufweisen. Diese Regionen eröffnen nicht nur viele Ausbildungsoptionen in der beruflichen Bildung, sondern bieten das breiteste Angebot an allgemeinbildenden Ausbildungen (Abbildung).

Abbildung: Variation regionaler Gelegenheitsstrukturen (MS-Regionen)

Quelle: Eigene Berechnungen und Darstellung, vgl. Becker und Glauser (2016).

Jugendliche sind beim Zugang zu allgemeinbildenden Ausbildungen der Sekundarstufe II doppelt benachteiligt, die einerseits aus sozial benachteiligten Familien stammen und die andererseits in Regionen mit eingeschränkten Gelegenheitsstrukturen wohnhaft sind.

Die Ergebnisse verweisen erstens auf einen direkten Effekt der regionalen Gelegenheitsstrukturen auf den Bildungserwerb sowohl direkt im Anschluss an die 9. Klasse als auch 15 Monate nach Schulaustritt. Je umfangreicher die regionalen Gelegenheitsstrukturen sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche eine allgemeinbildende Ausbildung absolvieren, während das Gegenteil auf berufsbildende Ausbildungen zutrifft. Zudem trägt die regionale Gelegenheitsstruktur dazu bei, dass Jugendliche direkt im Anschluss an die 9. Klasse eine Zwischenlösung beginnen. Jugendliche aus Regionen mit vergleichsweise eingeschränkten Gelegenheitsstrukturen verfügen demnach über geringere Möglichkeiten, eine Zwischenlösung zu absolvieren und sind deshalb eher gezwungen, direkt eine berufliche Ausbildung zu beginnen. Schliesslich bestätigen die Analysen den vermuteten Zusammenhang zwischen regionalen Gelegenheitsstrukturen und Bildungsaspirationen. Je umfangreicher die regionalen Gelegenheitsstrukturen sind, desto weniger streben Jugendliche eine Berufsausbildung an. Die direkten Effekte der Opportunitätsstrukturen auf den Bildungserwerb bestehen jedoch auch unter Kontrolle der Aspirationen der Jugendlichen. Demnach sind Bildungsaspirationen zwar als Push-Faktoren anzusehen. Die regionalen Gelegenheitsstrukturen hingegen stellen Pull-Faktoren dar, welche den Übergang in nachobligatorische Ausbildungen  kanalisieren. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, dass sich unsere Analysen auf den durchschnittlichen Effekt der Gelegenheitsstrukturen auf den Bildungserwerb beziehen und die Effekte von Geschlecht, besuchtem Schultyp sowie sozialer Herkunft betragsmässig bedeutsamer sind.

Nichtsdestotrotz stehen die Bildungschancen von Jugendlichen – nebst Aspekten wie der sozialen Herkunft und damit eng verbunden der schulischen Leistung – in Zusammenhang mit den regionalen Gelegenheitsstrukturen und den offenstehenden Ausbildungsalternativen. Hieraus folgt, dass Jugendliche beim Zugang zu allgemeinbildenden Ausbildungen der Sekundarstufe II doppelt benachteiligt sind, die einerseits aus sozial benachteiligten Familien stammen und die andererseits in Regionen mit eingeschränkten Gelegenheitsstrukturen wohnhaft sind.

Literatur
Glauser D (2015) Berufsausbildung oder Allgemeinbildung. Soziale Ungleichheiten beim Übergang in die Sekundarstufe II in der Schweiz. Springer VS, Wiesbaden. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-658-09096-8
Glauser, D., & Becker, R. (2016). VET or general education? Effects of regional opportunity structures on educational attainment in German-speaking Switzerland. In: Empirical Research in Vocational Education and Training, 8(8), 1-25, doi: http://dx.doi.org/10.1186/s40461-016-0033-0, stable URL: http://rdcu.be/nfFk.
Imdorf C, Sacchi S, Wohlgemuth K, Cortesi S, Schoch A (2014) How cantonal education systems in Switzerland promote gender-typical school-to-work transitions. Schweizerische Zeitschrift für Soziologie 40 (2):175-196.
Schuler M, Dessemontet P, Joye D (2005) Die Raumgliederung der Schweiz. BFS, Neuchâtel.

1 http://www.dab.edu.unibe.ch/
2 Die Daten der ersten drei Erhebungen der DAB-Panelstudie sind bei FORS als Scientific-Use-Files verfügbar: https://forsbase.unil.ch/project/study-public-overview/14297/0/.
3 MS-Regionen (MS = mobilité spatiale) sind eine vom BFS bereitgestellte Analyseeinheit von insgesamt 106 Regionen, welche dadurch charakterisiert sind, dass sie eine bestimmte räumliche Homogenität aufweisen und kleine, teilweise kantonsübergreifende Arbeitsmärkte abbilden (Schuler et al. 2005).