Längsschnittstudie zum Einstieg und Ausbildungsverlauf

Lernende in den niederschwelligen Ausbildungsgefässen EBA und PrA

Jährlich beginnen rund 7500-8000 Jugendliche eine zweijährige Grundbildung mit Attest (EBA), rund 600-700 Jugendliche eine Praktische Ausbildung (PrA). Die Angebote bilden damit unverzichtbare Elemente einer Berufsbildung, die auch schwächere Lernende integriert. Die beiden Ausbildungen unterscheiden sich durch die schulische Herkunft der Lernenden. Rund ein Viertel der EBA-Lernenden hat vor der Ausbildung die Regelschule besucht, bei den PrA-Lernenden sind es nur 3%. Die Zufriedenheit der Lernenden ist gross: Am Ende der Ausbildung geben über 70% an, mindestens «ziemlich zufrieden» zu sein. Sorgen machen muss die hohe Quote der Jugendlichen, die nur über Umwege in EBA oder PrA einmünden.

Autor Lernende in den niederschwelligen Ausbildungsgefässen EBA und PrA
Autor Lernende in den niederschwelligen Ausbildungsgefässen EBA und PrA
Annette Krauss
Von Claudia Hofmann, Xenia Müller und Annette Krauss
Claudia Hofmann und Xenia Müller sind Senior Researcher, Annette Krauss ist Junior Researcher an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH).

Rund ein Viertel der EBA-Lernenden hat vor der Ausbildung ausschliesslich die Regelschule besucht, bei den PrA-Lernenden sind es nur gerade 3%.

Die Berufsbildung für Lernende mit besonderen Bildungsbedürfnissen hat sich mit der Einführung der zweijährigen beruflichen Grundbildung mit Berufsattest (EBA) im letzten Jahrzehnt stark gewandelt. Für Jugendliche, die mit den Anforderungen einer EBA-Ausbildung überfordert sind, lancierte ausserdem der Branchenverband INSOS die Praktische Ausbildung (PrA), die allerdings in der Regel einen Anspruch auf berufliche Massnahmen durch die IV voraussetzen. Gemessen an der zunehmenden Zahl der Lehrverhältnisse und der Palette an verschiedenen Ausbildungsberufen (jeweils mehr als 50) haben sich sowohl die EBA wie auch die PrA gut etabliert (Hofmann, Duc, Häfeli & Lamamra, 2016). Jährlich beginnen rund 7500-8000 Jugendliche eine EBA, rund 600-700 Jugendliche eine PrA.

Eine erste Längsschnittstudie der Hochschule für Heilpädagogik Zürich (2005-2013) zeigt u.a., dass zumindest jene Jugendlichen, welche die Hürden bis zum EBA-Abschluss meistern, zufrieden und angemessen gefordert sind. Weitere Evaluationen kommen ebenfalls zu einem positiven Gesamteindruck (Fitzli, Grütter, Fontana, Koebel & Bock, 2016; Kammermann, Amos, Hofmann & Hättich, 2009; Stern, Marti, von Stokar & Ehrler, 2010), wobei auch auf die Problematik von Lehrvertragsauflösungen, mangelnde Akzeptanz in manchen Branchen und offene Fragen zur beruflichen Integration nach Ausbildungsabschluss hingewiesen wird (Hofmann et al., 2016). Im Rahmen eines kooperativ geführten Forschungsprojekts zwischen der HfH Zürich und dem EHB Lausanne1 werden die beiden Ausbildungsgefässe (EBA und PrA) deshalb in Bezug auf die folgenden Fragen weiter untersucht:

  • Wie zufrieden sind die Lernenden und wie erleben sie ihre Situation in der Berufsfachschule und im Betrieb?
  • Wie entwickelt sich die wahrgenommene Situation im Verlauf der Ausbildung?
  • Welches sind die Gründe und Folgen von Lehrvertragsauflösungen?
  • Wie gut sind die Absolventinnen und Absolventen nach Ausbildungsabschluss beruflich integriert?

Von der HfH Zürich: Claudia Hofmann, Xenia Müller, Annette Krauss und Kurt Häfeli. Vom EHB Lausanne: Barbara Duc, Isabelle Bosset, Nadia Lamamra. Finanziert wird die Studie durch das SBFI.

Methodisches Vorgehen und Stichprobe

Für die Gesamtstudie werden EBA- und PrA-Lernende aus vier Branchen (Bau, Gastronomie, Schreinerei und Hauswirtschaft) und acht Kantonen (Deutschschweiz und Romandie) insgesamt drei Mal befragt. Während bei den ersten beiden Befragungen zu Beginn und am Ende der Ausbildung die Ausbildungssituation im Zentrum stand, geht es bei der derzeit laufenden dritten Befragung um den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Diese quantitative Längsschnittstudie wird durch eine qualitative Studie ergänzt, in der Lernende interviewt werden, die den Lehrvertrag aufgelöst haben.

An der ersten Befragung in den Berufsfachschulklassen und Ausbildungsinstitutionen im Mai-Juni 2016 nahmen insgesamt 788 Lernende teil (60.6% männlich, Durchschnittsalter 19 Jahre). Davon absolvierten 628 Personen eine EBA-Ausbildung und 160 eine PrA. An der zweiten Befragung am Ende der Ausbildung (April-Juni 2018) nahmen 714 Personen teil. Von ihnen haben 542 bereits an der ersten Befragung teilgenommen, 172 Personen sind neu dazu gestossen (davon wurden die meisten von einer EFZ-Ausbildung heruntergestuft).

Im folgenden Beitrag geht es um die ersten beiden schriftlichen Befragungen in den Berufsfachschulklassen mit Fokus auf den Übergang in die Ausbildung, den Verlauf der Zufriedenheit und Lehrvertragsauflösungen.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen tatsächlich, dass sich Personen mit einer Lehrvertragsauflösung im Betrieb weniger gut unterstützt fühlten und weniger den Eindruck hatten, dass die Ausbildung ihren Fähigkeiten und Interessen entspricht.

Herkunft der Jugendlichen und Übergang in die Ausbildung

Die unterschiedlichen Zielgruppen der EBA und der PrA zeigen sich deutlich an den absolvierten Schulen vor Ausbildungsbeginn: Rund ein Viertel der EBA-Lernenden hat vor der Ausbildung ausschliesslich die Regelschule besucht, bei den PrA-Lernenden sind es nur gerade 3%. Bei der PrA waren die meisten zuvor ausschliesslich in einer Sonderschule (ein Drittel) oder sie haben ihre schulische Laufbahn in der Regelschule gestartet und später in ein sonderpädagogisches Setting gewechselt (40%). Unterschiede zwischen der EBA und der PrA sind auch bei der familiären Herkunft und dem Ausbildungshintergrund der Eltern zu verzeichnen: EBA-Lernende haben häufiger einen Migrationshintergrund und Eltern, die keine Ausbildung nach der obligatorischen Schule absolviert haben.

Das Umfeld in der Berufswahlphase wird von den Lernenden rückblickend mehrheitlich als unterstützend wahrgenommen. «Schnuppern» zu können wird als wichtig erachtet, und je besser sie den Beruf und den Betrieb bereits kennen, desto höher sind die spätere Passungswahrnehmung und Zufriedenheit. Allerdings weist bei den EBA-Lernenden eine hohe Zahl von Schnuppereinsätzen auch auf einen langen Suchprozess hin. Dass Jugendliche mit schwierigen Voraussetzungen oft erst auf Umwegen zu einer passenden beruflichen Anschlusslösung finden, zeigt sich in unserer Stichprobe deutlich: Bei den EBA-Lernenden steigen nur knapp 27% direkt nach der obligatorischen Schulzeit in die Ausbildung ein, bei der PrA sind es mit 42% etwas mehr.

Zufriedenheit, Belastung und deren Verlauf in der Ausbildung

In der ersten Befragung zu Beginn der Ausbildung äussern 80% der Lernenden, dass sie mit ihrer Ausbildungssituation «ziemlich» bis «ausserordentlich» zufrieden sind. Dabei sind PrA-Lernende in der Gesamtbeurteilung durchschnittlich etwas positiver, aber etwas weniger zufrieden mit dem schulischen Teil ihrer Ausbildung. Neben der hohen Zufriedenheit geben zudem über 80% der Befragten an, dass die Ausbildung gut zu ihrer Person, ihren Fähigkeiten und Interessen passe.

Am Ende der Ausbildung ist die Zufriedenheit zwar statistisch signifikant etwas gesunken, aber auch zu diesem Zeitpunkt geben immer noch über 70% der Lernenden an, mindestens «ziemlich zufrieden» zu sein. Interessant erscheint hier, dass sich die Zufriedenheit in der Schule kaum verändert. Bei den PrA-Lernenden sinkt die Zufriedenheit in der Ausbildung allgemein und im Lehrbetrieb stärker als bei den EBA-Lernenden. Unverändert bleibt hingegen auch hier die Zufriedenheit mit dem schulischen Teil der Ausbildung.

Trotz der hohen Zufriedenheit fühlen sich manche Lernende in der Berufsfachschule und im Lehrbetrieb belastet. So äussert ein Fünftel der Lernenden gegen Ausbildungsende, dass sie im Lehrbetrieb «eher» oder «sehr oft» zu viel zu tun hatten. Generell werden mehr Belastungen im Lehrbetrieb als in der Berufsfachschule erlebt – sowohl am Anfang als auch am Ende der Ausbildung. PrA-Lernende fühlen sich zu Beginn der Ausbildung im Lehrbetrieb etwas stärker belastet als EBA-Lernende, am Ende der Ausbildung ist dieser Unterschied jedoch nicht mehr festzustellen.

Der Übergang von der Schule in die Ausbildung verlief allerdings oft auf sehr grossen Umwegen. Dass nur ein Viertel der Befragten direkt nach der Schule in die Ausbildung eingestiegen ist, scheint bei diesen eigentlich «niederschwelligen» Ausbildungsgefässen bedenklich.

Erste Schlussfolgerungen und Ausblick

Die beiden Ausbildungsgefässe entsprechen den Bedürfnissen und Möglichkeiten der meisten Lernenden gut: Die überwiegende Mehrheit ist zufrieden und nicht übermässig belastet. Die Zufriedenheit nimmt zwar im Verlauf etwas ab, was jedoch «normal» ist in dem Sinn, dass diese Tendenz auch in anderen Studien festgestellt wurde. Die Ausbildung wird ausserdem von den meisten als passend zu den eigenen Fähigkeiten und Interessen wahrgenommen. Dies ist nicht selbstverständlich, wenn man an die sehr unterschiedlichen Voraussetzungen und Zugangswege der Lernenden denkt. Den Lehrpersonen in den Berufsfachschulen und den Verantwortlichen in den Betrieben und Ausbildungsinstitutionen scheint es somit trotz standardisierter Vorgaben (v.a. in der EBA) gut zu gelingen, mit dieser Heterogenität umzugehen.

Der Übergang von der Schule in die Ausbildung verlief allerdings oft auf sehr grossen Umwegen. Dass nur ein Viertel der Befragten direkt nach der Schule in die Ausbildung eingestiegen ist, scheint bei diesen eigentlich «niederschwelligen» Ausbildungsgefässen bedenklich. Vor allem Jugendliche mit Migrationshintergrund können gemäss Befragungsergebnissen beim Übergang oft kaum auf familiäre Unterstützung zählen. Brückenangebote spielen gerade bei diesen Jugendlichen in der Berufswahlphase und bei der Lehrstellensuche eine wichtige Rolle, auch wenn sie politisch immer wieder in der Kritik stehen.

Weiter ist für die Beurteilung der Ausbildungen von Bedeutung, ob es den Lernenden – trotz vielleicht schwieriger Startbedingungen – gelingt, die Ausbildung erfolgreich abzuschliessen. In der vorliegenden Studie liegt der Anteil der Lernenden, die den EBA-Lehrvertrag auflösen, eher etwas tiefer als in den entsprechenden Statistiken des Bundesamts für Statistik zur EBA. Je nach Branche ist die Quote etwas höher oder tiefer als in der EFZ-Ausbildung. Über diese Quoten hinaus ist natürlich interessant, welche Faktoren eine Lehrvertragsauflösung begünstigen bzw. verhindern könnten. Erste Vergleichsanalysen weisen darauf hin, dass dem Lehrbetrieb und v.a. der Unterstützung des betrieblichen Berufsbildenden eine herausragende Rolle zukommt. Wie Lehrvertragsauflösungen im Rahmen der EBA bzw. der PrA zu bewerten sind, hängt v.a. auch davon ab, welche Folgen sie für die betroffenen Jugendlichen haben. Grundsätzlich haben Lernende, die eine EBA abbrechen, weniger berufliche Alternativen als Lernende, die eine EFZ-Ausbildung abbrechen. Dies zeigt sich auch an den deutlich tieferen Wiedereinstiegsquoten (Bundesamt für Statistik, Verläufe 2013-2017). Für die EFZ bieten sich neben anderen Berufsrichtungen auch die EBA im bisherigen Berufsfeld an. Anlässlich unserer zweiten Befragung zeigt sich, dass viele diese Möglichkeit nutzen und sich die EBA insofern als «Auffangnetz» bewährt. Gleichzeitig weisen die vielen Rückstufungen aber auch darauf hin, dass die Jugendlichen vielleicht überschätzt werden bzw. die EBA als Alternative noch zu wenig in Betracht gezogen wird.

Die Akzeptanz bei den Betrieben ist gerade auch im Hinblick auf die Arbeitsmarktintegration nach Abschluss der Ausbildung sehr zentral. In der zweiten Befragung wurden die Lernenden gefragt, ob sie bereits eine Arbeitsstelle oder einen Ausbildungsplatz in Aussicht hätten. Erst rund 55% der EBA-Lernenden gaben im Mai-Juni vor Ausbildungsabschluss an, dass dies der Fall sei. Aussagekräftigere Ergebnisse sind bei den laufenden, letzten Erhebung – ein knappes Jahr nach Abschluss der Lehre – zu erwarten. Die Interviews der qualitativen Teilstudie sollen ausserdem weitere Erkenntnisse liefern, wie Lernende eine Lehrvertragsauflösung erleben und welche Folgen diese hat. Die längsschnittlichen Analysen werden es zudem ermöglichen, verschiedene Verläufe genauer zu beschreiben und Erkenntnisse über Einflussfaktoren zu gewinnen, die für das Gelingen der beruflichen Integration entscheidend sind.

1 Von der HfH Zürich: Claudia Hofmann, Xenia Müller, Annette Krauss und Kurt Häfeli. Vom EHB Lausanne: Barbara Duc, Isabelle Bosset, Nadia Lamamra. Finanziert wird die Studie durch das SBFI.

 

Literatur