Stimme aus der Praxis zur LINCA-Studie zu Lehr-Lernprozessen im Fach W&G

LINCA: Wichtige Denkanstösse

In der letzten Ausgabe publizierten wir die wichtigsten Ergebnisse der Forschungen des Leading House LINCA (Lehr-Lernprozesse in der kaufmännischen schulischen Bildung). Die hier gemachten Vorschläge kommen in der Bildungspraxis gut an. So sei in der Tat eine bessere Kooperation zwischen den Lernorten anzustreben: Zudem wäre ein stärker individualisierter, allenfalls auch modularisierter Unterricht zu prüfen. Dies finden Fachleute des Kaufmännischen Verbandes Schweiz in einer für diesen Newsletter erstellten Stellungnahme.

Amalia Zurkirchen
Michael Kraft
Von Amalia Zurkirchen und Michael Kraft
Amalia Zurkirchen ist Leiterin Bildung, Kaufmännischer Verband Schweiz; Michael Kraft ist Fachverantwortlicher Grundbildung.

Als breit angelegte, längsschnittlich konzipierte Studie begleitete die LINCA-Studie Lernende und Lehrende im Fach «Wirtschaft & Gesellschaft» über einen ganzen Ausbildungszyklus von drei Jahren. Solche Studien haben für die kaufmännische Ausbildung und das Berufsfeld in Zeiten von Digitalisierung und Globalisierung eine grosse Relevanz: LINCA bietet verschiedene Ansatzpunkte für die Weiterentwicklung des kaufmännischen Schulunterrichts.

Die Ergebnisse zeigen zuallererst, dass der Unterricht im Bereich «Wirtschaft & Gesellschaft» grundsätzlich zu guten Resultaten führt. Das freut uns: Denn es bestätigt einerseits das Engagement und die Arbeit der Lehrpersonen und Schulleitungen an den kaufmännischen Berufsfachschulen und zeigt andererseits, dass das aussergewöhnliche Modell der integrierten Allgemeinbildung in Kombination mit der Bildung in berufsspezifischen, kaufmännischen Kompetenzen funktioniert.

LINCA offenbart jedoch auch Verbesserungspotential. Wir möchten im Folgenden auf drei, aus unserer Sicht wichtige Punkte eingehen: Das ist

  1. die Kompetenzentwicklung, gerade auch von schwächeren Lernenden, und die damit verbundene Frage nach vermehrter Individualisierung des Unterrichts,
  2. die Kooperation unter den Lernorten sowie die Kompetenzen der Lehrpersonen und
  3. die daraus folgende Entwicklung ihrer Aus- und Weiterbildung.

1. Kompetenzentwicklung der Lernenden

Die Lernortkooperation wurde in den vergangenen Jahren vermutlich in fast jeder Austauschveranstaltung zur kaufmännischen Grundbildung als Entwicklungsfeld genannt.

Die Studie zeigt auf, dass unter den Lernenden grosse Unterschiede in den Eingangsvoraussetzungen und der Kompetenzentwicklung besteht. Die Anfangsdifferenzen bleiben dabei grösstenteils, auf höherem Niveau, bestehen. Die Forschenden schlagen eine stärkere Individualisierung des Unterrichts vor, um besonders das Potenzial der schwächeren Lernenden noch besser zu fördern. Ein stärker individualisierter, allenfalls auch modularisierter Unterricht, wie man ihn in anderen Bereichen unseres Bildungssystems bereits kennt, beispielsweise in der kaufmännisch-betriebswirtschaftlichen Weiterbildung oder in den Gymnasien, betrachten wir tatsächlich als eine näher zu prüfende Option. Fokussiert man dabei auf die Entwicklung der Stärken der Auszubildenden, könnte dies Vorteile für schulisch schwächere wie stärkere Lernende bringen und zur Attraktivität der Lehre beitragen. Es liessen sich so inhaltliche Schwerpunkte legen – für einen Teil der Lernenden zum Beispiel im wirtschaftsbürgerlichen Wissen, dessen Vermittlung in der Studie im Vergleich zum kaufmännischen Wissen und Können eher unterdurchschnittlich abgeschnitten hat. Lernende könnten sich, beispielsweise für eine spätere Weiterbildung, bereits in der Lehre darin vertiefen und es wären zumindest für einen Teil der Lernenden mehr Zeit und Ressourcen für die Vermittlung dieser Themen vorhanden. In Ansätzen wird das mit den heutigen Profilen übrigens bereits gelebt.

2. Neue Wege der Lernortkooperation?

LINCA hält fest, dass das theoretische kaufmännische Wissen bei den Lernenden im Verlauf der Ausbildung noch deutlicher wächst als dies beim praxisorientierten kaufmännischen Wissen und Können der Fall ist. Die Autorinnen und Autoren der Studie folgern daraus, dass eine bessere Abstimmung in schulischen und betrieblichen Lehr- und Ausbildungsplänen sowie insbesondere eine bessere Kooperation zwischen den Lernorten angestrebt werden sollte. Das ist tatsächlich wünschenswert und so wurde in den vergangenen Jahren die Lernortkooperation wohl vermutlich in fast jeder Austauschveranstaltung zur kaufmännischen Grundbildung als Entwicklungsfeld genannt. Tatsächlich geschahen und geschehen Schritte in diese Richtung. Die angewandte Berufsbildungsforschung könnte dabei vielleicht einen gewinnbringenden Beitrag leisten: Was sind Erfolgsfaktoren für eine gelungene Lernortkooperation? Welche Rolle können und sollen digitale Austauschplattformen in der Förderung der Kooperation spielen? Welche pädagogischen Konzepte unterstützen dabei und wie können alle Beteiligten – vom Lernenden über die Berufsbildnerin, den üK-Leiter bis zur Berufsfachschullehrerin – an Bord geholt werden?

3. Neue Lernformen, neue Rollen der Lehrpersonen

Eine wichtige Rolle in der vorliegenden Untersuchung spielen schliesslich die Wahrnehmung des Unterrichts und die professionellen Kompetenzen der Lehrpersonen. Eine im Rahmen von LINCA verfasste Dissertation von Andrea Reichmuth-Sprenger, die in diesem Newsletter publiziert wird, zeigt auf, dass im W&G-Unterricht primär die Unterrichtsmethode des Lehr-Lerngesprächs vorherrscht, dieses aber vergleichsweise selten dialogisch und damit optimal lernförderlich aufgebaut ist. Die Sensibilisierung der Lehrpersonen und ein Weiterbildungsprogramm zur Förderung der Dialogizität sind darum angedacht. Investitionen in die Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen scheinen aus unserer Sicht vor allem auch deshalb sinnvoll, weil sich die Rolle der Lehrpersonen noch stärker verändern dürfte. Studien zu künftigen Kompetenzen im kaufmännischen Berufsfeld, welche vom Kaufmännischen Verband in Auftrag gegeben wurden, zeigen, dass Sozial-, Selbst- und Methodenkompetenzen ein deutlich höheres Gewicht zukommen dürfte als heute. Will man dies in der Grundbildung abbilden und darüber hinaus auf eine digitalisierte Arbeitswelt vorbereiten, spricht dies für neue und vielfältigere Lernformen im schulischen Unterricht. Die Lehrpersonen würden dann stärker als heute unterschiedliche Rollen einnehmen. Neben dem dafür notwendigen Angebot an Aus- und Weiterbildung stehen auch die Schulleitungen in der Pflicht, diesen Prozess aktiv zu gestalten und ihre Lehrpersonen in der Entwicklung durch begleitete Pilotprojekte, Weiterbildungen und «best practice»-Beispiele zu unterstützen.

Fazit

LINCA bietet vielfältige Ansatzpunkte für den kaufmännischen Unterricht in «Wirtschaft & Gesellschaft», kann aber sicherlich auch für andere Fächer und Berufe Denkanstösse geben. Die Umsetzung der Forschungsergebnisse sind auf ganz unterschiedlichen Ebenen anzusiedeln: Schon heute lassen sich verbesserte Lehr-Lerngespräche auf Schulebene fördern oder neue Lernformen pilotieren. Andere Aspekte sind eher auf Ebene des Bildungsplans und der Bildungsverordnung zu diskutieren: Der von der Schweizerischen Konferenz der Kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen (SKKAB) Ende Januar gestartete Prozess «Kaufleute 2022» wird genau solche Fragen analysieren und ergebnisoffen diskutieren. Die breite Basis an Studien, die heute zur Verfügung stehen, kann viel zu einer zukunftsfähigen kaufmännischen Grundbildung beitragen. Der Kaufmännische Verband wird sich an diesem Prozess gerne aktiv beteiligen.