Bericht zur SGAB-Tagung «Zukunft der höheren Berufsbildung… hin zum Professional Master?»

Master und Bachelor auch in der Berufsbildung

Die Höhere Berufsbildung bildet den wohl am wenigsten bekannten Bereich des Schweizer Bildungssystems. Dabei hat sie hohe Bedeutung: Jedes Jahr erwerben rund 15000 Personen einen Fachausweis und 14000 Personen ein Diplom. Nun soll die Höhere Berufsbildung gestärkt werden. Sie soll im Inland bekannter und im Ausland besser verstanden werden. Mit dem Thema beschäftigte sich auch eine Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB). Im Zentrum stand die Frage der Titelbezeichnungen in der Höheren Berufsbildung. Dabei kam es zu einer überraschenden Annäherung. Sind Professional Bachelor und Professional Master wie in Deutschland (Bild) bald Realität?
Von
  • Daniel Fleischmann
Im Ausland, ja selbst in Deutschland, werden Begriffe wie «Fachausweis» oder «Höhere Fachprüfung» nicht verstanden.
Nachdem die berufliche Grundbildung dank der Schubkraft des neuen Berufsbildungsgesetzes seit bald zwei Dezennien hohe Aufmerksamkeit geniesst und eine Vielzahl an Innovationen erfuhr, rückt seit einigen Jahren auch die Höhere Berufsbildung in den Fokus der Aufmerksamkeit. Dafür gibt es viele Auslöser. Einer davon ist die Stagnation des Bildungsbereichs, auf den etwa der Bildungsbericht 2018 hinwies: «Trotz der derzeit quantitativ noch hohen Bedeutung der höheren Berufsbildung für den tertiären Teil des schweizerischen Bildungswesens schwindet ihre Bedeutung vor dem Hintergrund der fortschreitenden Tertiarisierung der Schweizer Bevölkerung.» Einen anderen Auslöser bildet die Titelfrage, die bereits 2013 mit einer Motion von Nationalrat Matthias Aebischer auf die Traktandenliste der eidgenössischen Räte gelangte. Im Ausland, ja selbst in Deutschland, werden Begriffe wie «Fachausweis» oder «Höhere Fachprüfung» nicht verstanden.

Drei Fachreferate

An einer über Zoom durchgeführten Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung (SGAB) diskutierten Fachleute solche Herausforderungen der Höheren Berufsbildung, wobei vom Veranstalter die Titelfrage ins Zentrum des Interesses gestellt worden war. Referenten waren:
  • Dr. Volker Born, Abteilungsleiter, Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)
  • Stefan Eisenring, Direktor ibW Höhere Fachschule Südostschweiz
  • Josef Widmer, stv. Direktor SBFI
Die Höhere Berufsbildung geniesst in Deutschland eine geringere Wertigkeit, sie wird nun aber mit beeindruckender Entschlossenheit gestärkt.
Volker Born schilderte Rolle und anstehende Probleme der Höheren Berufsbildung in Deutschland – wobei der Begriff der Höheren Berufsbildung erst seit einigen Jahren aktiv verwendet wird. Sie geniesst im Vergleich zur Schweiz eine geringere Wertigkeit, wird nun aber durch Entscheide der Bildungspolitik mit beeindruckender Entschlossenheit gestärkt. Einen Auslöser dafür bildet der Fachkräftemangel; heute stehen auf Stufe berufliche Grundbildung 473'000 Bewerbende 514'000 offenen Ausbildungsplätzen gegenüber. Dafür sorgen unter anderem die geburtenschwachen Jahrgänge, die in die postobligatorischen Bildungsstufen münden, aber auch der Drang breiter Bevölkerungskreise an die Gymnasien. 2017 besassen 41% der Schülabgängerinnen und -abgänger die allgemeine Hochschulreife, 11,8% die Fachhochschulreife – Werte, von denen man in der Schweiz (28% Lernende im ersten Jahr einer allgemeinbildenden Schule der Sekundarstufe II im Jahr 2018) weit weg ist. Nachdem auf deklarativer Ebene die wichtigen Parteien in Deutschland sich zum Begriff der Höheren Berufsbildung bekannt haben – prominent etwa im Koalitionsvertrag von SPD und CDU 2018 –, gibt man der Bildungsstufe im Zuge der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes nun immer deutlicher neue Gestalt. So wurden drei neue Bezeichnungen für die Höhere Berufsbildung eingeführt:
  1. Geprüfte/r Berufsspezialist/in (für z.B. Servicetechnik/in) (deutscher Qualifikationsrahmen DQR 5)
  2. Bachelor Professional (in z.B. Finanzbuchhaltung) (DQR 6)
  3. Master Professional (in z.B. Betriebswirtschaft) (DQR 7)
Das zuständige Bundesministerium für Bildung und Forschung ist jetzt im Einvernehmen mit den Sozialpartnern und Kammerorganisationen daran, alle höherqualifizierenden Fortbildungsabschlüsse dieser Systematik zuzuordnen. Dabei orientiert man sich am deutschen Qualifikationsrahmen (DQR); dieser bildet auch die gemeinsame Grundlage, um strukturierte Verbindungen zur Hochschulseite zu schaffen, die etwa dann erforderlich sind, wenn Bildungsvorleistungen anerkannt werden sollen. Schliesslich soll die Höhere Berufsbildung über weitere Massnahmen in der öffentlichen Wahrnehmung und bildungssystematischen Bedeutung gestärkt werden. So sind Akademien der Höheren Berufsbildung im Gespräch, die etwa für den Transfer von Innovation und Technologie in die Betriebe sorgen sollen.
Eine andere Perspektive auf das Tagungsthema eröffnete das Referat von Stefan Eisenring, der eine Höhere Fachschule in Chur leitet und in der Berufsbildungskommission des Schweizerischen Gewerbeverbandes aktiv ist. Eisenring machte deutlich, dass er die Verwirklichung der Bundesverfassung (Artikel 61a) noch in keiner Weise erfüllt sieht, wonach sich Bund und Kantone dafür einsetzen, «dass allgemein bildende und berufsbezogene Bildungswege eine gleichwertige gesellschaftliche Anerkennung finden». Eisenring wies darauf hin, dass vor zwanzig Jahren die Zahl der allgemeinbildenden Abschlüsse 29% des Totals der Abschlüsse auf Sekundarstufe 2 bildeten, jene der Berufsbildung 71%. Heute lägen diese Quoten auf 39% respektive 61%.1 «Wir müssen jetzt handeln, damit die Berufsbildung nicht weiter an Boden verliert», so Eisenring. Eine gute Grundlage dafür bilde die vom SBFI in Auftrag gegebene «Auslegeordnung zur Positionierung der höheren Fachschulen» von econcept. Eisenring sieht – neben der generellen Stärkung der Höheren Berufsbildung – drei Handlungsfelder als besonders dringlich:
  • Anerkennung der Gleichwertigkeit und Gleichbehandlung von beruflicher und akademischer Bildung (Titelfrage): Die derzeit verwendeten englischen Titel seien völlig untauglich; sie lauten z.B. «Advanced Federal Diploma of Higher Education», eine Begrifflichkeit, die niemand verstehe.
  • Vereinfachung der Rahmenbedingungen bei der Entwicklung neuer Angebote: Die Universitäten und Fachhochschulen hätten keinerlei Mühe, innerhalb von wenigen Monaten neue Studien- oder Weiterbildungsangebote auf den Markt zu bringen; die Zeit, die man dafür in der Höheren Berufsbildung brauche, sei «ein Horror» – für eine Bildungsstufe zumal, die besonderes arbeitsmarktnah sein sollte.
  • Gleichwertigkeit auch in Bezug auf die Finanzierung der Höheren Berufsbildung: Die Subjektfinanzierung sei zwar ein erster Schritt zu einer Gleichbehandlung der Tertiärstufe B. Aber noch immer zahlten deren Absolvierende drei- bis viermal mehr an Gebühren für ihre Weiterbildung.
Josef Widmer mahnte die Verfechter der Höheren Berufsbildung zur Selbstkritik. Die Anbieterlandschaft sei zersplittet: «90 von 260 HF-Anbietern bringen es auf weniger als 25 Abschlüsse pro Jahr.»
In seinem Referat – und der anschliessenden Diskussion – bat Josef Widmer (stv. Direktor SBFI) um Augenmass und eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem Thema. Tatsache sei, dass die Höhere Berufsbildung zwar vor gewissen Herausforderungen stehe – zu ihr gehöre auch die Titelfrage –, aber grundsätzlich sehr vital sei. Die Teilnehmendenzahlen hielten sich auf hohem Niveau, die Angebote seien flexibel und arbeitsmarktnah und gewährleisteten eine optimale Vorbereitung auf anspruchsvollere Fach- und Führungsfunktionen. Von zehn Absolvierenden einer Berufsprüfung oder einer Höheren Fachprüfung würden neun den gewählten Weg noch einmal gehen; und sie profitieren von markanten Lohnsteigerungen zwischen 1000 (Fachausweis) und 1800 Franken (HF Diplom). Zugleich gelte es auch zu anerkennen, dass sich die politisch Verantwortlichen seit mehreren Jahren bemühen, die Höhere Berufsbildung national und international zu stärken; so bildete sie einen Schwerpunkt der BFI-Botschaft 2017-2020. Widmer nannte fünf aktuelle Handlungsfelder:
  • Beschleunigung der Zusammenarbeit bei der Berufsentwicklung: Ein Leitfaden für einen «Fast Track» ist erarbeitet und im Rahmen eines Pilotprojekts erfolgreich geprüft (Cyber Security Spezialist). Er erlaubt es, innerhalb eines Jahres (statt zwei) neue Prüfungsordnungen zu erlassen.
  • Machbarkeitsstudie online HBB-Prüfungen: Im Rahmen dieser von ICT-Berufsbildung Schweiz geführten Studie werden die rechtlichen Rahmenbedingungen und die technische Machbarkeit von online-Prüfungen analysiert.
  • Umgang mit digitalen Lehr- und Lernformen bei der Anerkennung von Bildungsgängen: Im Rahmen dieser Studie des EHB und der Pädagogischen Hochschule Zürich wird untersucht, wieweit digitale Lehr- und Lernformen die rechtlichen und qualitativen Vorgaben erfüllen. Der Schlussbericht liegt seit Mitte Oktober 2020 vor.
  • Das Projekt Anrechnung von Bildungsleistungen durch die Höheren Fachschulen verspricht eine Auslegeordnung der aktuellen Praxis und, bis Mitte 2022, die Verabschiedung von Empfehlungen.
  • Das Projekt «Positionierung der Höheren Fachschulen» analysiert die nationale und internationale Rolle der HF und gibt einen systematischen Überblick über ihre Herausforderungen. Der Bericht ist publiziert. Er bestätigt grossen Handlungsbedarf hinsichtlich Positionierung der HF-Ausbildungen im Arbeitsmarkt, dem Bildungssystem selber und der Gesellschaft.
Josef Widmer betonte, dass die Kernfrage der SGAB-Tagung – die Frage des Titels – nicht überschätzt und zudem im Kontext aller weiteren Aktivitäten zur Stärkung der Höheren Berufsbildung zu behandeln sei. So tangiere die Frage auch die Beziehung zu den Hochschulen – wie sich in der ablehnenden Haltung der Fachhochschulen gegenüber Titeln wie Professional Bachelor unschwer erkennen lasse. Lösungen müssten in Absprache mit den Hochschulen gefunden werden. Schliesslich mahnte Widmer die Verfechter der Höheren Berufsbildung zur Selbstkritik. Die Anbieterlandschaft sei zersplittet: «90 von 260 HF-Anbietern bringen es auf weniger als 25 Abschlüsse pro Jahr.» Diese Kleinteiligkeit mache Probleme; trotzdem bewege sich in der Struktur der Anbieterlandschaft nichts. Widmer sprach von einer «mangelnden Bereitschaft» zur institutionenübergreifenden Zusammenarbeit.

Diskussion kommt zu einem Konsens  

Im Rahmen der anschliessenden Diskussion beteiligten sich auf Einladung der SGAB neben den Referenten auch Christine Davatz-Höchner, Vizedirektorin sgv, Peter Berger, Präsident K-HF sowie Matthias Aebischer, Nationalrat. Die Moderation oblag Prof. Dr. Philipp Gonon, Vizepräsident der SGAB. Das Gespräch vertiefte gemachte Aussagen und zeitigte – in einer subjektiven Verkürzung – einige markante Ergebnisse.
  • Anders als Josef Widmer sehen sämtliche Referierende in der Titelfrage eine zentrale und akute Herausforderung, die möglichst rasch zu lösen sei. Die Höhere Berufsbildung der Schweiz sei nicht einmal in Deutschland bekannt, sagte etwa Volker Born.
  • Eine pragmatische und auch rasch umzusetzende Möglichkeit, die Frage ohne die von Josef Widmer erwähnten, bildungssystematischen Erschwernisse anzugehen, bildet die Ergänzung der Diploma-Supplements mit den Bezeichnungen Professional Bachelor rsp. Master oder, wie in Deutschlang gebräuchlich, Bachelor rsp. Master Professional. Josef Widmer versprach, man werde dies im Dialog mit den Hochschulen ernsthaft prüfen – für Matthias Aebischer «echte News».
  • Mit den Begriffen Bachelor und Master wäre ausdrücklich keine Niveaukongruenz mit den entsprechenden akademischen Titeln gemeint. Niveauvergleiche zwischen den beiden Tertiärstufen A und B müssen im Einzelnen ausgehandelt werden – am besten nach dem deutschen Vorbild unter Zuhilfenahme des nationalen Qualifikationsrahmens. Dass diese Arbeit notwendig ist, betonte insbesondere Peter Berger; er wies darauf hin, dass man im Ausland bei der Würdigung von Titeln stark auf die Anerkennung durch swissuniversities abstelle.
  • Peter Berger pflichtete der Kritik von Josef Widmer bei, die Anbieterlandschaft der Höheren Berufsbildung sei zu kleinräumig und dadurch in ihrer politischen und gesellschaftlichen Schlagkraft eingeschränkt. Er erinnerte aber daran, dass die Landschaft der heutigen Fachhochschulen (Höhere Technische Lehranstalten usw.) vor der Einführung des Fachhochschulgesetzes 1995 ebenfalls zersplittert gewesen sei – und bat damit implizit um ein Eingreifen des SBFI. Christine Davatz widersprach: Die Kleinteiligkeit sei Ausdruck der Arbeitsmarktnähe der Höheren Berufsbildung.
In ihrem Schlusswort zog SGAB-Präsidentin Martina Munz ein optimistisches Fazit: «Die Tagung hat mit dem Vorschlag eines Titelsupplements ein Ergebnis gebracht, das meine Erwartungen übertraf.» An der Tagung nahmen 77 Personen teil. Ihnen, den Referierenden sowie Philipp Gonon, Martina Fleischli (SVEB), André Schläfli und SGAB-Geschäftsführer Jonas Probst dankte Martina Munz für ihr Engagement.
Die nächste Tagung der SGAB (in Kooperation mit dem EHB) findet am 21. Mai 2021 statt. Ihr Thema bildet die Didaktik in der Berufsbildung.
1 Die Angabe von Stefan Eisenring dürfte nicht richtig sein; sie basiert vermutlich auf einer missverständlichen Bilanz des BFS, das an prominenter Stelle für das vergangene Jahr 42'642 allgemeinbildende Abschlüsse totalisiert – in diese Zahl aber die Berufsmaturitäten einrechnet.

Zitiervorschlag
Fleischmann, Daniel (2020): Master und Bachelor auch in der Berufsbildung. Transfer, Berufsbildung in Forschung und Praxis (4/2020), SGAB, Schweizerische Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung.