Neues Buch im hep-verlag: «Das Nichtwissen der Lehrperson»

Warum Nichtwissen zum Lehrerberuf gehört

Lehrerinnen und Lehrer vermitteln Wissen, sagt man. Das stimmt zwar. Kaum thematisiert wird jedoch, dass Lehrerinnen und Lehrer auch tagtäglich mit zahlreichen Situationen konfrontiert sind, die nicht vorhersehbar sind, sich in den Anforderungen widersprechen und kaum Zeit für ein gründliches Nachdenken lassen. Der Umgang mit Nichtwissen prägt das professionelle Handeln einer Lehrperson. Trotzdem wissen Lehrpersonen oft nicht genügend über das Phänomen des Nichtwissens Bescheid, wie Buchautorin Irene Schumacher im Interview deutlich macht.

Interview: Daniel Fleischmann

Irene Schumacher ist Erziehungswissenschaftlerin und ausgebildete Mediatorin. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung Sek II, Berufsbildung, der PH Zürich und als Mentorin bei Job Caddie Bern tätig.

Irene Schumacher, «Nichtwissen von Lehrpersonen», so lautet der Titel Ihrer Dissertation. Das klingt, als ob Sie den Schwächen der Lehrpersonen auf die Schliche kommen möchten. Aber so haben Sie es nicht gemeint.

Nein, so ist es wirklich nicht gemeint. Aber wie Sie reagieren viele Leute, wenn Sie mich nach dem Thema meiner Dissertation fragen. Sie folgen der landläufigen Vorstellung über die Rolle von Lehrpersonen als Vermittlerinnen und Vermittler von Wissen und leiten daraus das negative Bild von Nichtwissen ab. Dabei bildet das Nichtwissen Teil der Lehrprofession, wie es überhaupt Teil vieler Berufe ist – auch von Ärztinnen, Juristen oder Psychologinnen. In allen diesen Berufen muss man sich fragen, wie man mit Situationen umgehen soll, die nicht vollständig kontrolliert werden können. Auch Lehrpersonen sollten das tun, denn auch sie befinden sich andauernd in Situationen, in denen sie nicht wissen, wie Situationen sich genau entwickeln. Wie sie mit solchen Situationen umgehen, ist ein zentraler Teil ihrer professionellen Leistung.

Und doch ist bei Lehrpersonen die Überraschung grösser als bei Ärzten, dass sie nicht alles wissen.

Einerseits wirkt natürlich das traditionelle Bild von Lehrpersonen als Wissensvermittler. Nichtwissen wird mit den Schülerinnen und Schülern in Verbindung gebracht und nicht mit den Lehrpersonen. Andererseits ist es bei anderen Professionen teilweise offensichtlicher und auch einschneidender, wenn etwas nicht wie geplant funktioniert, z.B. bei medizinischen Behandlungen. Damit rückt auch das Nichtwissen oder das mögliche Scheitern viel stärker in das Bewusstsein. Was, wie und wann genau wirkt, ist im Schulzimmer nicht immer so klar messbar. Auch das wiederum bedeutet für Lehrpersonen Nichtwissen, womit sehr unterschiedlich umgegangen wird.

Sie sagen, dass es für das Verständnis wichtig ist, die Begriffe zu klären und zwischen Unwissen und Nichtwissen zu unterscheiden.

Nichtwissen ist ein konstitutives Element von professionellem Handeln und bedeutet, ganz grob gesagt, eine prinzipiell nicht aufhebbare Ungewissheit möglicher Ereignisse.

Nichtwissen ist ein konstitutives Element von professionellem Handeln und bedeutet, ganz grob gesagt, eine prinzipiell nicht aufhebbare Ungewissheit möglicher Ereignisse. Unwissen kann als noch nicht vorhandenes Wissen definiert werden, das sich grundsätzlich beheben lässt.

Sie präzisieren das im Buch und unterscheiden Erscheinungsformen von Nichtwissen.

Im Lehrberuf sind die Faktoren, die Nichtwissen auslösen, zahlreich und theoretisch ausführlich beschrieben. Sie können in drei Bereiche unterteilt werden. So besteht erstens immer eine Kluft zwischen der Intention einer Handlung und ihrer tatsächlichen Wirkung. Lehrpersonen wissen nie genau, wie der Unterricht, den sie geplant haben, tatsächlich ankommt und abläuft, respektive was auf wen wie genau wirken wird. Niklas Luhmann und Karl Eberhard Schorr bezeichneten dieses Fehlen eines linearen Zusammenhangs von Ursache und Wirkung in der Erziehung als «Technologiedefizit». Zweitens ist pädagogisches Handeln durch widersprüchliche Anforderungen gekennzeichnet. Lehrpersonen müssen in Situationen handeln und Entscheidungen treffen, die durch Werte-, respektive Verpflichtungskonflikte und widersprüchliche Rollenerwartungen geprägt sind. Drittens ist die Schule ein Ort, an dem viele Dinge gleichzeitig und rasch geschehen. Ärztinnen und Therapeuten arbeiten meist mit einzelnen Personen, die nacheinander in die Sprechstunde kommen. Lehrperson haben hingegen in der Regel eine ganze Klasse vor sich. Sie erleben insofern ständig komplexe Situationen und müssen darin relativ schnell handeln. Fritz Oser spricht deshalb auch vom Klassenzimmer als «Emergency Room».

Sie haben untersucht, wie Lehrpersonen mit ihrem Nichtwissen umgehen. Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Im Zentrum meiner Untersuchung standen die Fragen, wie Berufsfachschullehrpersonen Nichtwissen in ihrem beruflichen Alltag wahrnehmen, in welchen Situationen sie Nichtwissen erleben und wie sie damit umgehen. In der Theorie ist unbestritten, dass das Handeln von Lehrerinnen und Lehrern konstitutiv von Nichtwissen geprägt ist und, dass Nichtwissen ein zentrales Element des professionellen Handelns darstellt. Ich fand es insofern wirklich sehr erstaunlich, dass praktisch keine Erkenntnisse darüber vorliegen, wie Lehrpersonen das Nichtwissen selber erleben und wie sie damit umgehen. Im Rahmen meiner Untersuchung habe ich, wie es in einer Grounded-Theory-Studie üblich ist, verschiedene Forschungsphasen durchlaufen. Insgesamt stützen sich die Daten auf die Aussagen von rund 80 erfahrenen Berufsfachschullehrpersonen, die alle der Schweiz Unterricht in Allgemeinbildung oder Berufskunde erteilen.

Welches sind die wichtigsten Ergebnisse aus Ihren Befragungen?

In der bestehenden Literatur wird ein eher düsteres Bild vom Umgang mit Nichtwissen gezeichnet.

In der bestehenden Literatur wird ein eher düsteres Bild vom Umgang mit Nichtwissen gezeichnet. So würden defizitäre Umgangsformen wie Verdrängung oder Ausblendung häufige Formen des Umgangs mit Nichtwissen darstellen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass das Nichtwissen von Lehrpersonen durchaus wahrgenommen wird, vor allem in jenen Bereichen, in denen Grenzen der eigenen Steuerungsmöglichkeiten und der Einflussnahme erlebt werden. Auffällig ist jedoch, dass die gemachten Erfahrungen kaum eingeordnet werden konnten in die strukturellen Bedingungen des Lehrerhandelns. Dies führt zu einem weiteren Punkt: Die Lehrpersonen erzählten oft von einem intuitiven Umgang mit dem Nichtwissen. Ein intuitives Vorgehen kann durchaus zu einem sehr guten Ergebnis führen. Mit Blick auf die angestrebte Professionalisierung sind aber, mit Roland Reichenbach gesprochen, die argumentativ-reflexiven Grundlagen für die Beurteilung und die Berechtigung der Gründe für das Tun zentral. Klar zeigt sich auch, dass sich die Strategien im Umgang mit Nichtwissen erst in der Praxis und vielfach individuell, das heisst allein im Schulzimmer, entwickeln. Festzustellen ist auch, dass das Nichtwissen bei Lehrpersonen, respektive in Schulkulturen, in gewisser Weise tabuisiert ist – vermutlich auch aufgrund der geschilderten begrifflichen Vermischung von Unwissen und Nichtwissen. Zudem haben die Lehrpersonen zahlreiche Faktoren geschildert, die ihren Umgang mit Nichtwissen beeinflussen. Dazu gehören Emotionen, gesundheitliche Aspekte oder die Schulhauskultur. So fällt es Lehrpersonen leichter, Nichtwissen zuzulassen, wenn sie sich gesund fühlen. Angeschlagene Lehrpersonen neigen demgegenüber dazu, den Unterricht stärker zu steuern, um Überraschungen zu vermeiden.

Sie sagen, dass Lehrpersonen im Umgang mit Nichtwissen mehr Argumentationssicherheit bräuchten. Sollten die Pädagogischen Hochschulen da mehr tun?

Zahlreiche Autorinnen und Autoren argumentieren, die Problematik rund um den Umgang mit Nichtwissen sei in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung vernachlässigt worden und dieses Manko sei zu beheben. Unabhängig der Frage, was konkret schon gemacht wird, sind die zentrale Bedeutung, die dem Nichtwissen im professionellen Handeln zugemessen wird und die relativ geringe Rezeption in der konkreten Unterrichtspraxis offensichtlich. Der Bestrebungen der letzten Jahrzehnte, Bildungsprozesse zielgenauer zu steuern, haben die Fragen rund um die Diagnose von und den Umgang mit Nichtwissen sicherlich nicht in ihr Zentrum gerückt. Es erstaunt insofern auch nicht, dass Nichtwissen häufig immer noch als «Indiz für Defekte» interpretiert wird und nicht als «Struktur der Aufgabe», wie es Heinz-Elmar Tenorth formuliert hat. Im Rahmen der Lehrerinnen- und Lehrerbildung scheinen mir folgende drei Punkte wichtig.

  • Erstens: Angehende Lehrpersonen sollten im Studium befähigt werden, die verschiedenen Formen des Nichtwissens wahrzunehmen und Nichtwissen von Unwissen abzugrenzen, um so Orientierungswissen für ihre Berufspraxis aufzubauen.
  • Zweitens bedarf es einer Thematisierung des möglichen Umgangs mit Nichtwissen. Dazu gehört auch eine Sensibilisierung für die Faktoren, die das Handeln prägen: Handeln unter Druck, Einfluss der Emotionen und das gesellschaftliche Bild der Lehrperson. Auch wenn die Auseinandersetzung damit in der Ausbildung immer etwas einem «Trockenschwimmkurs», gleichkommt, wie es Rolf Göppel bezeichnete, liesse sich z.B. über die Diskussion zu bekannten Mustern im Umgang mit Nichtwissen schon vieles aufzuzeigen.
  • Drittens: Der Umgang mit Nichtwissen lässt sich nicht einfach in Form von Rezepten vermitteln, sondern ist eine Entwicklungsaufgabe, welche sich über die ganze Berufsbiographie hinweg erstreckt. Darin liegt ja auch das Schöne in diesem Beruf. Der Lehrberuf wäre äusserst langweilig, wenn es für alles ein Rezept geben würde. Die ersten Berufsjahre einer Lehrperson scheinen im Hineinwachsen in den Umgang mit Nichtwissen zentral zu sein. Hier kommt den Mentorinnen und Mentoren an den Schulen eine wichtige Rolle zu, die Lehrpersonen in diesem Prozess der Professionalisierung zu begleiten und zu unterstützen.

Was leistet Ihr Buch?

Es sensibilisiert für das Thema und klärt die Begriffe. Es beschreibt, wie Nichtwissen entsteht, zeigt, wie verschiedene Personen damit umgehen, welche Faktoren den Umgang prägen und was Professionalität im Umgang mit Nichtwissen kennzeichnet. Durch die vielen Beispiele und Zitate ist das Buch eine gute Anregung für Lehrpersonen und Schulen, die an der Entwicklung ihrer Professionalität im Schulalltag interessiert sind.

Irene Schumacher: Das Nichtwissen der Lehrperson. Eine qualitative Untersuchung zum Nichtwissen an Berufsfachschulen. hep-verlag 2018. Das Buch ist für Mitglieder der SGAB 15 Prozent vergünstigt. Bitte melden Sie sich bei der Geschäftsstelle.