Längsschnittstudie zur beruflichen Entwicklung über die Lebensspanne

Was Berufsverläufe beeinflusst

Top-Positionen im Management und höchste Löhne sind nicht nur Hochschulabsolventinnen und -absolventen zugänglich, sondern auch Berufsleuten, die sich kontinuierlich weiterbilden. Die Höhere Berufsbildung sollte darum gestärkt und weiterentwickelt werden. Dies ist eine Schlussfolgerung aus der «Zürcher-Längsschnittstudie», deren Schlussbericht nun vorliegt. Im Rahmen der Studie wurden seit 1978 gegen eintausend Personen insgesamt elfmal zu ihrer beruflichen Situation befragt.

Claudia Schellenberg
Annette Krauss
Von Claudia Schellenberg und Annette Krauss
Claudia Schellenberg ist Dozentin am Institut für Verhalten, sozioemotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung an der interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich. Annette Krauss ist Wissenschaftliche Assistentin an der HfH.

Der kontinuierliche Kontakt von Frauen mit der Arbeitswelt erweist sich als zentral. Längere Unterbrüche können für einen Wiedereinstieg problematisch sein.

Wirtschaftliche und politische Entwicklungen haben in den letzten Jahren und Jahrzehnten zu grossen Veränderungen auf allen Ebenen geführt (z.B. wirtschaftliche Globalisierung, Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft). Auf der individuellen Ebene sind statt klaren Normen und fixen Abläufen Wahlfreiheit, Offenheit und Flexibilität getreten, was mehr Entscheidungen und Anpassungsfähigkeit auf Seiten der Person verlangt. Was die Veränderungen auf der individuellen Ebene und im Verlauf des Berufslebens bedeuten, ist noch wenig untersucht worden. Wie wurden und werden diese Anpassungen beispielsweise von der Generation, die heute im mittleren Erwachsenenalter (ca. 45-55-jährig) steht, bewältigt?

Anhand der Daten der Zürcher-Längsschnittstudie, welche eine repräsentative Deutschschweizer Stichprobe mit dem Jahrgang 1963 umfasst, konnten verschiedene Aspekte von Laufbahnen vom 15. bis zum 52. Lebensjahr untersucht werden (Abbildung 1). Die ersten neun Erhebungen wurden von der Universität Zürich und Lausanne durchgeführt, die letzten beiden Erhebungen von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zusammenarbeit mit der Universität Basel (mit finanzieller Unterstützung durch das SBFI). Der Rücklauf beträgt für den letzten Erhebungszeitpunkt 71%: 806 Personen haben erneut teilgenommen. Eine Projekthomepage informiert über die wichtigsten Etappen und Publikationen. Kürzlich wurde dort auch der Valorisierungsbericht zuhanden des SBFI veröffentlicht (Schellenberg, Häfeli, Krauss & Hättich, 2018). Einige wichtige Ergebnisse sollen hier dargestellt werden.

Abbildung 1. Messzeitpunkte der Studie

Laufbahnmuster – Unterschiede nach Branchen und Geschlecht

Durch die differenzierte Erfassung der Berufslaufbahn und einer Vielzahl von psychosozialen Merkmalen aus der Jugendzeit und im mittleren Erwachsenenalter war es möglich, Laufbahnen unter einer ganzheitlichen, entwicklungspsychologischen Sicht zu betrachten.

Abfolgen von beruflichen Aktivitäten können bezüglich Mustern analysiert und als «berufliche Laufbahnmuster» (oder «occupational career patterns», OCP) bezeichnet werden. Mittels Sequenzanalysen konnten sowohl bei Frauen wie auch bei Männern plausible berufliche Muster gefunden werden (Häfeli, Hättich, Schellenberg & Krauss, 2017): Sie unterscheiden sich deutlich zwischen den Geschlechtern und teilweise zwischen wirtschaftlichen Sektoren/Ausbildungsberufen.

Die Ergebnisse zeigen, dass wir erwartungsgemäss sowohl Kontinuität wie auch Wandel finden: Während sich bei Frauen im Durchschnitt mehr Kontinuität abzeichnet, fallen bei Männern mehr berufliche Wechsel auf (z.B. in Richtung Spezialisierung und Aufstieg). Je nach Sektor verlaufen Laufbahnen auch unterschiedlich: Im Dienstleistungssektor kann eher von Kontinuität ausgegangen werden, während im Produktionssektor (Industrie, Gewerbe) eher Anpassungen in Form von Weiterbildung und Weiterentwicklung notwendig sind.

Grosse Karrieren stehen auch Berufsleuten offen, die sich kontinuierlich weiterbilden. Die Höhere Berufsbildung – eine Schweizer Besonderheit – sollte gestärkt und weiterentwickelt werden.

Die Durchlässigkeit im Schweizer Bildungssystem zeigt sich auch in unseren Daten; viele Personen bilden sich weiter auf Fachhochschulniveau oder in der höheren Berufsbildung. Erstaunlich war die grosse Adaptationsfähigkeit der Personen, welche sich oft unabhängig von ihrem beruflichen Werdegang, von möglichen Schicksalsschlägen («critical life events») oder von ihrer aktuellen Lebenslage gut entwickelt haben.

Dennoch gibt es Gruppen von Personen, welche schwierigere Entwicklungen zeigen: Dies zeigt sich teilweise bereits bei weniger erfolgreichen schulischen Laufbahnen (tiefe Schulabschlüsse). Einzelne Laufbahnmuster stehen weiter mit möglichen gesundheitlichen Problemen in einem Zusammenhang: Speziell die Gruppe der handwerklich-technischen Berufe beklagt sich über gesundheitliche Probleme, wahrscheinlich mitverursacht durch jahrzehntelange körperliche Beanspruchung.

Auch bei den Berufsverläufen von Frauen gibt es einige Verlaufsmuster, welche bezüglich später erreichtem Berufsstatus weniger günstig ausfallen. Das Potenzial bei Frauen wäre vorhanden, die Qualifikationen müssten aber gezielt gefördert werden. Der kontinuierliche Kontakt mit der Arbeitswelt erweist sich als zentral. Längere Unterbrüche können für einen Wiedereinstieg problematisch sein.

Prädiktoren von Laufbahnmustern

In unserer Studie konnten potenzielle Prädiktoren für berufliche Entwicklungsverläufe untersucht werden (Abbildung 2): Zum einen erweisen sich bekannte strukturelle Merkmale (Herkunftsfamilie, absolvierte Schulbildung) und persönliche Merkmale (Intelligenz, Selbstwirksamkeit, etc.) als bedeutsam. Auch die Passung zwischen Persönlichkeit und Berufstätigkeit (gemessen nach der Berufstypologie von J. Holland) beeinflusst Kontinuität und Wandel über die Laufbahn. Die beschriebenen Einflussfaktoren aus der Jugendzeit wirken sich v.a. bei den Männern auf die Berufsverläufe aus. Bei den Frauen zeigt sich, dass neben dem Einfluss des Elternhauses Faktoren der eigenen Lebensplanung eine vergleichsweise grössere Rolle spielen: Es zeigt sich beispielweise, dass «Aufwärts-Mobilität» mit einem grösseren «Job-Involvement» (z.B. grösseres Arbeitspensum), einem tieferen familiären Engagement (z.B. tiefere Anzahl Kinder) und einer höheren Investition in die Ausbildung (höhere Aus- und Weiterbildung) zusammenhängt.

Somit erweisen sich also auch weitere bisher weniger beachtete Merkmale als relevant. Neben dem bereits erwähnten «Job-Involvement» und der Investition in Aus- und Weiterbildung ist es auch die Länge von Unterbrüchen in der Berufslaufbahn, und Aspekte sozialer Unterstützung, die die berufliche Entwicklungen beeinflussen.

Abbildung 2. Potentielle Prädiktoren von Berufsverläufen

Bei den Männern, welche in gewerblich-technischen Berufen verbleiben, sind die gesundheitlichen Probleme besorgniserregend. Hier sollte zusammen mit den Berufsverbänden nach präventiven Massnahmen gesucht werden.

 

Die Ergebnisse sind auf verschiedenen Ebenen und für verschiedene Zielgruppen bedeutsam: Auf der Ebene der Berufsbildung stellen sie beispielsweise eine Bestätigung für den eingeschlagenen Weg dar. Die Berufsbildung bildet offenbar eine gute Grundlage und Voraussetzung für eine erfolgreiche Karriere. Das System ist zudem durchlässig genug, um dies zu ermöglichen. Die höhere Berufsbildung hat hier eine wichtige Funktion; sie soll gleiche Chancen für alle vermitteln. Unsere Studie hat gezeigt, dass Top-Positionen im Management und die höchsten Löhne nicht nur Hochschulabsolventinnen und -absolventen zugänglich sind. Grosse Karrieren stehen auch Berufsleuten offen, die sich kontinuierlich weiterbilden. Die Höhere Berufsbildung – eine Schweizer Besonderheit – sollte gestärkt und weiterentwickelt werden.

Unserer Ergebnisse weisen aber auch auf sensible Punkte im System hin, wo noch Handlungsbedarf besteht. Ausbildende sollten z.B. noch stärker versuchen, die Lernenden für eine nachfolgende Aus- und Weiterbildung zu motivieren. Wegen den ungleichen Zugangschancen zur Weiterbildung (mehr Männer und Personen aus höheren Schichten) sind alle Betriebe in allen Branchen gefordert, speziell junge Erwachsene zu fördern, welche eine geringe Weiterbildungsbereitschaft zeigen. Weiter sollten Anforderungen am Arbeitsplatz gezielt überprüft werden: Optimal ist eine gute Passung zwischen Herausforderungen und arbeitsbezogenen Ressourcen. Für das Wohlbefinden bei der Arbeit ist es wichtig, dass mögliche Risikofaktoren wie Arbeitsplatzunsicherheit und eine (zu) hohe quantitative Arbeitsbelastung tief gehalten werden. Weiter sollen wichtige Schutzfaktoren, welche aus dem Bereich der sozialen Unterstützung stammen, im Betrieb vermehrt gefördert werden: Arbeitnehmende, welche vom Arbeitgebenden beispielweise eine grössere «Work-Family-Unterstützung» erhalten, berichten über ein grösseres Wohlbefinden und können die beiden Lebensbereichen Beruf und Familie besser vereinbaren. Bei den Männern, welche in gewerblich-technischen Berufen verbleiben, sind die gesundheitlichen Probleme besorgniserregend. Hier sollte zusammen mit den Berufsverbänden nach präventiven Massnahmen gesucht werden.

Entscheidende Weichenstellungen werden durch den Schultyp der Oberstufe gestellt. Durchlässigkeit statt Starre sind zwar alte Forderungen, werden hier aber erneut in ihrer Wichtigkeit bestätigt.

Der vorliegende Text basiert auf der Studie:
Schellenberg, C., Häfeli, K., Krauss, A. & Hättich, A. (2018). Kontinuität und Wandel: Zusammenspiel von Persönlichkeit und Berufstätigkeit bis zum 52. Lebensjahr. Schlussbericht. Zürich & Basel: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik & Abteilung Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Universität Basel.
 

Literatur

  • Schellenberg, C., Häfeli, K., Krauss, A. & Hättich, A. (2018). Kontinuität und Wandel: Zusammenspiel von Persönlichkeit und Berufstätigkeit bis zum 52. Lebensjahr. Valorisierungsbericht zu Handen des SBFI. Zürich & Basel: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik & Abteilung Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie der Universität Basel.
  • Häfeli, K., Hättich, A., Schellenberg, C. & Krauss. A. (2017). Kontinuität und Wandel: Determinanten der beruflichen und persönlichen Entwicklung. Bericht Nr. 8: Der Beruf für das Leben? Berufliche Karrieremuster über 36 Jahre. Zürich: Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik.