Ergebnisse einer Studie in Deutschland

Welche Ausbildungsbereiche sind durch akademische Bildung gefährdet?

In Deutschland haben rund 435'000 Jugendliche im Anschluss an die obligatorische Schulzeit die Möglichkeit, ein Studium aufzunehmen – sie besitzen das Abitur oder die Fachhochschulzugangsberechtigung. Tatsächlich beginnen aber etwa 135'000 (31 Prozent) von ihnen statt des Studiums eine Berufslehre.1 Dieser Anteil könnte in Zukunft zugunsten akademischer Bildungswege zurückgehen. Eine Studie sieht vor allem für die kaufmännischen und die Gesundheits-Berufe ein hohes Substituierungspotenzial. Das Schlagwort dafür, die Akademisierung ehemals berufsbildender Ausbildungen, ist auch in der Schweiz ein Thema.

Dieter Euler
Von Dieter Euler
Dieter Euler ist Professor für Bildungsmanagement und Wirtschaftspädagogik und Direktor des Instituts für Wirtschaftspädagogik an der Universität St.Gallen.

Ausgangspunkte

In Deutschland nimmt die Zahl der Studienberechtigten und korrespondierend die Zahl der Studienanfänger im mittelfristigen Trend deutlich zu, während die Zahl der dualen Ausbildungsplätze stagniert bzw. rückläufig ist.

In der Akademisierungsdiskussion wird immer wieder auf das Gefährdungspotenzial für die duale Berufsausbildung hingewiesen. Holzschnittartig und sehr verkürzt: Warum sollte sich ein Betrieb in anspruchsvollen Segmenten der qualifizierten Facharbeit auf die Investition einer dreijährigen Berufslehre einlassen und den anschliessenden Abgang der ausgebildeten Fachkraft riskieren, wenn er relativ schnell einen qualifizierten Bachelorabsolventen einer Fachhochschule rekrutieren und in kurzer Zeit auf die Spezifika des betrieblichen Arbeitsplatzes vorbereiten kann? Auch der Einwand, dass es sich bei den Absolventen der beiden Bildungsgänge um gänzlich unterschiedliche Kompetenzprofile handelte und Bachelorabsolventen für einen entsprechenden Arbeitsplatz überqualifiziert seien, lässt sich durch den Hinweis kontern, dass die Qualifikationsprofile im Beschäftigungssystem längst nicht mehr so klar segmentiert sind wie dies aufgrund der Abschlüsse im Bildungssystem erscheint.

Wenn im Folgenden über die Ergebnisse einer Studie in Deutschland berichtet wird, dann sind jedoch die unterschiedlichen Kontexte bewusst zu halten. Obwohl in Deutschland wie in der Schweiz in der Berufsbildung eine duale Berufslehre dominiert, unterscheiden sich die Kontexte in den beiden Ländern deutlich voneinander:

  • Nach dem Erwerb der allgemeinen Matura nehmen in Deutschland viele Maturanden eine Berufslehre auf. Aktuell besitzen mehr als ein Viertel der Ausbildungsanfänger eine Hochschulzugangsberechtigung (HZB). Dadurch sind die Berufslernenden im Durchschnitt älter als in der Schweiz und kommen in vielen Lehrberufen mit höheren Schulabschlüssen in die Berufslehre.
  • Zudem kann in Deutschland mit der allgemeinen Matura ohne weitere Voraussetzungen (z.B. Praxiserfahrung) ein Studium an einer Fachhochschule aufgenommen werden. Ferner setzt die Zugangsberechtigung für ein Fachhochschulstudium in Deutschland (in der Schweiz: Berufsmaturität) nicht eine Berufslehre voraus, sondern kann auch über schulische Wege erworben werden.
  • Ein attraktives Bildungsangebot für mittlerweile mehr als 100.000 Schulabsolventen ist in Deutschland das Duale Studium. In der ausbildungsintegrierenden Variante verbinden sie eine Berufslehre mit einem Bachelorabschluss, in der praxisintegrierenden Form wird das Bachelorstudium durch ein durchgehendes Praktikum begleitet.
  • Schliesslich ist in Deutschland die Zahl der privaten Hochschulen auf mehr als 110 gewachsen. Diese bieten häufig in Kooperation mit einer Branche oder einigen grösseren Betrieben ein ausgeprägt praxisbezogenes Studium in mehr oder weniger spezialisierten Fachgebieten an.

2013 war für das deutsche Bildungssystem ein markantes Jahr: Zum ersten Mal gab es mehr Studienanfänger an Hochschulen als neue Berufslernende in der dualen Berufsausbildung. Dieses statistische Datum wurde vielerorts zum Auftakt für eine neue Runde in der chronisch sich wiederholenden Akademisierungsdiskussion. Mit Schlagworten wie «Akademisierungswahn» (Nida-Rümelin) oder «Akademisierungsfalle» (Strahm) sollte vor der Verlängerung der deutlichen Entwicklung gewarnt werden. «Kein Bachelor für Fleischer», so lautete die Überschrift eines Beitrags in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung. Die Vorstellung eines akademischen Titels in diesem klassischen Handwerksberuf mutet einerseits absurd an – andererseits wird immer wieder darauf hingewiesen, dass beruflich Gebildete Gefahr laufen, von Akademikern von ihren Positionen verdrängt zu werden.

Fragestellung

Im Fleischerhandwerk scheint die Gefahr der Verdrängung beruflich qualifizierter Fachkräfte durch Akademiker gering zu sein, insofern bedarf es einer differenzierten Betrachtung: Welche Berufsgruppen und damit Branchen sind von der Akademisierung betroffen? Wie gross ist der Überschneidungsbereich und damit die Wahrscheinlichkeit dafür, dass berufliche Ausbildungen in Zukunft durch ein Studium ersetzt werden können? Wie viele junge Menschen werden in Zukunft möglicherweise nicht mehr als Berufslernende, sondern als Studierende in die nachschulische Bildungswelt starten – mit dem gleichen Berufsbild vor Augen?

Vor diesem Hintergrund gab die Bertelsmann-Stiftung eine Studie in Auftrag, die von Dieter Euler und Eckart Severing durchgeführt wurde. Die Untersuchung fokussierte die beiden folgenden Fragen:

  1. Wie hoch ist im Überschneidungsbereich zwischen beruflicher und akademischer Bildung das Potenzial der Substituierung der Berufslehre durch ein Hochschulstudium?
  2. Welche Berufe bzw. Berufsfelder könnten von einer Akademisierung besonders betroffen sein?

Methodisches Vorgehen

Als Fokus der Untersuchung diente der Begriff des «Substituierungspotenzials».

Als Fokus der Untersuchung diente der Begriff des «Substituierungspotenzials». Mit diesem Begriff soll zum Ausdruck gebracht werden, dass eine Verschiebung der Bildungswege von der Berufslehre in ein Studium zunächst nur eine Möglichkeit darstellt. Allein aus der Überschneidung von Ausbildungs- und Studienangeboten lässt sich noch keine tatsächliche Verschiebung zwischen ihnen ableiten. Eine solche wird dann zur Wirklichkeit, wenn sich die Entscheidungen der massgeblichen Akteure – insbesondere das Bildungsverhalten der Schulabgänger sowie das Personalrekrutierungsverhalten der Betriebe – verändern und durch die Einführung neuer Studienangebote im Hochschulbereich veränderte Rahmenbedingungen für das Entscheidungsverhalten der Akteure entstehen. Die Untersuchung konzentrierte sich entsprechend auf die Frage, welche Entwicklungen in diesen drei Feldern erkennbar sind, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass aus dem Substituierungspotenzial eine Substituierungswirklichkeit erwächst. Dabei wird davon ausgegangen, dass sich die Entwicklungen in den verschiedenen Berufsfeldern nicht einheitlich vollziehen müssen.

Die Untersuchung vollzog sich in vier Schritten:

  • Identifizierung relevanter Ausbildungsbereiche: Für die dualen Ausbildungsberufe sowie für die vollqualifizierende schulische Berufsausbildung wurden zunächst jene Ausbildungsbereiche identifiziert, die für eine Substituierung durch ein Hochschulstudium infrage kommen. Dies sind prinzipiell jene Berufe, in denen in einem hohen Umfang Schulabsolventen mit einer HZB ausgebildet werden. Berücksichtigt wurden dabei all jene Ausbildungsbereiche, in denen mindestens 100 Neuabschlüsse / Jahr gezählt werden und mindestens 25% der Ausbildungsanfänger eine Hochschulzugangsberechtigung besitzen.
  • chtung zu Berufsgruppen: Um eine Korrespondenz zwischen Ausbildungsberufen und Studiengängen herzustellen, wurden die Ausbildungsberufe in Berufsgruppen verdichtet. Dieser Schritt sollte die Übersichtlichkeit erhöhen. Die potenzielle Überschneidung zwischen Ausbildungsberufen und anwendungsnahen Studiengängen erfolgt nicht auf der Ebene konkreter Bildungsgänge, sondern im Rahmen von affinen, vergleichbaren Fachzuordnungen (z. B. kaufmännischer Ausbildungsberuf – Wirtschaftsstudium).
  • Analyse relevanter Entwicklungen im Hochschulbereich: Ausgehend von den identifizierten Berufsgruppen wurde untersucht, inwieweit korrespondieren­de, fachaffine Studienbereiche existieren, die für eine Substituierung in Betracht kommen.
  • Kriterienbasierte Einschätzung des Substituierungspotenzials: Das Substituierungspotenzial der unterschiedenen Berufsgruppen wurde auf der Grundlage der folgenden Kriterien eingeschätzt:
    (1) Gibt es berufsnahe, konkurrierende Studienangebote an Hochschulen (z. B. aufgrund hoher fachlicher Affinitäten oder curricularer Überschneidungen)?
    (2) Gibt es quantitativ relevante duale Studienangebote? Zu unterscheiden sind dabei ausbildungsintegrierende und praxisintegrierende Modelle. Während Erstere die berufliche Ausbildung tendenziell stärken, geben Letztere einen Hinweis auf Akademisierungstendenzen.
    (3) Gibt es Hinweise auf eine verstärkte Akademisierung in den Berufsbereichen (z.B. Initiativen von Anspruchsgruppen im Berufsbereich; Rekrutierungspraxis der Betriebe)?

Übergreifende Befunde

Etwa ein Drittel der Absolventen einer Berufsausbildung, die eine Hochschulzugangsberechtigung besitzen, nehmen im Anschluss an die Berufslehre doch noch ein Studium auf.

Ausgehend von den beiden Kernkriterien (mindestens 100 Neuabschlüsse/Jahr; mindestens 25% Anteil an Hochschulzugangsberechtigten unter den Ausbildungsanfängern) sind 95 Ausbildungsberufe betroffen (davon 82 duale Ausbildungsberufe, elf Gesundheitsberufe und zwei vollzeitschulische Ausbildungsberufe). In diesen 95 Ausbildungsberufen wurden 2014 insgesamt 225.460 Personen ausgebildet, davon 113.093 Studienberechtigte.

Auf einer generellen Betrachtungsebene bieten einige statistische Sachverhalte zunächst Argumente gegen eine Substituierungstendenz. So ist der Anteil der Hochschulzugangsberechtigten an den dual Ausgebildeten in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen und erreichte 2016 bereits ca. 27%. Dies deutet auf eine hohe Attraktivität bestimmter Lehrberufe auch für Schulabsolventen mit einer HZB hin. In vielen der anspruchsvollen dualen Ausbildungsberufe übersteigt die Nachfrage nach Ausbildungsstellen das verfügbare Angebot.

Demgegenüber lassen sich auf einer generellen Ebene auch Entwicklungen identifizieren, die für eine Substituierungstendenz sprechen. So nimmt die Zahl der Studienberechtigten und korrespondierend die Zahl der Studienanfänger im mittelfristigen Trend deutlich zu, während die Zahl der dualen Ausbildungsplätze in Deutschland stagniert bzw. rückläufig ist. Die Analysen zeigen, dass Schulabsolventen mit den folgenden Merkmalen nach Erwerb der HZB überdurchschnittlich häufig eine Berufsausbildung und unterdurchschnittlich häufig ein Studium aufnehmen: Frauen; Schulabsolventen aus Nichtakademikerfamilien; Erwerb der Studienberechtigung in beruflichen Schulen. In diesen Bereichen bestehen Nachholpotenziale, die zu einer Verschiebung von der Berufsausbildung hin zu einem akademischen Studium führen können. Bei den Schulabsolventen aus Nichtakademikerfamilien erfolgt dies mittelfristig dadurch, dass unter sonst gleichen Bedingungen durch die zunehmende Akademisierung ihr Anteil an der Gesamtpopulation abnimmt. Insbesondere bei den weiblichen Schulabsolventen könnte sich das Bildungswahlverhalten verändern, wenn (etwa durch einen demographisch bedingten Fachkräftebedarf) die Optionen auf eine bessere Verbindung von Karriere und Familie zunehmen.

Zudem: Ca. ein Drittel der Ausbildungsabsolventen mit HZB nehmen im Anschluss an die Berufslehre doch noch ein Studium auf. Auch für diesen Bereich wäre eine Verschiebung hin zu einer häufigeren Aufnahme eines Studiums vorstellbar. Wenn die Rekrutierung von leistungsstarken Schulabsolventen für die Betriebe schwieriger wird, wäre es beispielsweise denkbar, dass sie verstärkt Formen eines (praxisintegrierten) Studiums anbieten. Ein weiterer Faktor, der eine stärkere Hinwendung studienberechtigter Schulabsolventen zu einem Studium bewirkt, kann das zunehmende Angebot von Studiengängen sein, die auf die Voraussetzungen der Studienberechtigten in besonderer Weise Rücksicht nehmen. So werben insbesondere private Hochschulen u.a. mit dem Argument, durch die zeitliche Organisation des Studiums oder die verstärkte didaktisch-methodische Bezugnahme auf praktische Problemstellungen den Bedürfnissen und Voraussetzungen der Studierenden besser zu entsprechen.

Berufsfeldspezifische Befunde: Kaufmännische Berufe

Mehr als ein Drittel aller Absolventen einer kaufmännischen Berufsausbildung nimmt anschliessend ein wirtschaftswissenschaftliches Studium in Angriff.

In der Untersuchung wurden sechs Berufsfelder unterschieden, in denen ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Jugendlichen mit einer HZB ausgebildet werden: Kaufmännische Berufe; Gesundheitsberufe; Elektro-/Metallberufe; IuK-Berufe; Medienberufe; Laborberufe. Die kriterienbasierten Analysen lassen lediglich bei zwei der sechs Berufsfelder – kaufmännische Berufe und Gesundheitsberufe – ein Substituierungspotenzial begründen.

In den untersuchten 32 kaufmännischen Ausbildungsberufen – in Deutschland ist der kaufmännische Bereich anders als in der Schweiz in eine hohe Zahl von branchen- und sektorenbezogene Lehrberufe aufgeteilt – besitzen ca. 72.000 der 136.000 Berufslernenden (53%) eine HZB. Zwar bleibt die Nachfrage unter Schulabsolventen in diesem Ausbildungssegment seit Jahren unterhalb des Ausbildungsstellenangebots, zugleich deuten wesentliche Indikatoren auf ein ausgeprägtes Substituierungspotenzial.

  • Zwischen den kaufmännischen Lehrberufen und den wirtschafts- und verwaltungswissenschaftlichen Studiengängen besteht eine hohe fachliche Affinität. So hat sich mit der Umsetzung der Bologna-Reform sowohl an staatlichen als auch privaten Hochschulen eine hohe fachliche Ausdifferenzierung in diesen Studienbereichen vollzogen. Anfang 2016 wurden im Bereich der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften insgesamt mehr als 4.000 Bachelor- und Master-Studiengänge angeboten, das sind ca. ein Viertel aller Studiengänge.
  • Mehr als ein Drittel aller Absolventen einer kaufmännischen Berufsausbildung nimmt anschliessend ein wirtschaftswissenschaftliches Studium in Angriff.
  • In den wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen bieten insbesondere die privaten Fachhochschulen fachlich spezialisierte Studiengänge an, die auf eine unmittelbare Anwendbarkeit der Studieninhalte zielen. Mehr als die Hälfte aller Studierenden an privaten Fachhochschulen studieren in diesem Studienbereich.
  • Bei den dualen Studiengängen bildet die rechts-, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fächergruppe mit ca. 50% aller Studiengänge die grösste Gruppe.

Befragungen von Studienabsolventen geben Hinweise darauf, dass ein signifikanter Teil von ihnen nach Studienende unterhalb des im Bachelor-Studium erworbenen Kompetenzniveaus eingesetzt wird.

  • In den wirtschaftswissenschaftlichen dualen Studiengängen überwiegt die praxisintegrierende Variante bei Weitem – mit aufsteigender Tendenz.
  • Im Hinblick auf das Rekrutierungsverhalten von Betrieben liegen gegensätzliche Befunde vor. Einerseits scheint die Verdrängung von Ausbildungs- durch Bachelor-Absolventen noch keine erklärte Politik in den befragten Unternehmen zu sein. Andererseits geben Befragungen von Studienabsolventen Hinweise darauf, dass ein signifikanter Teil von ihnen nach Studienende unterhalb des im Bachelor-Studium erworbenen Kompetenzniveaus eingesetzt wird. Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften sind dies bei Universitätsabsolventen ca. 30%, bei Fachhochschulabsolventen ca. 29%.

Fazit: Die Besetzung von Ausbildungsberufen durch Personen mit HZB erfolgt am häufigsten in den kaufmännischen Berufen. Der hohe Anteil an Auszubildenden mit HZB dokumentiert die prinzipielle Attraktivität der Berufsausbildung, sie zeigt aber auch den Umfang einer möglichen Verschiebung in ein Studium.

Berufsfeldspezifische Befunde: Gesundheitsberufe

Ausgehend von den beiden Kernkriterien sind elf Gesundheitsberufe betroffen, in denen 2014 insgesamt 30.405 Personen ausgebildet wurden. Davon hatten 12.917 Studienberechtigte (42,4%) eine HZB. Die elf Berufe decken ein breites Spektrum unterschiedlicher Tätigkeitsfelder im Gesundheitsbereich ab – von der Pflege (Gesundheits- und Krankenpfleger/-in) bis hin zu therapienahen Berufsfeldern (z.B. Logopäde/Logopädin, Ergotherapeut/-in).

Für sieben der elf Berufe werden korrespondierende Studiengänge angeboten. Der konsekutive Übergang aus einer beruflichen Ausbildung im Gesundheitsdienst in ein Studium verläuft nicht immer gradlinig in einen der fachaffinen Studiengänge. Ein bedeutender Teil (ca. 38%) der Hochschulzugangsberechtigten, der nach der Ausbildung ein Studium anstrebt, wählt ein Medizinstudium. Es ist zu vermuten, dass die Ausbildung von vielen als Übergang bis zur Zulassung für das Medizinstudium geplant wird. 24% der Ausbildungsabsolventen wählen ein wirtschaftswissenschaftliches, 11% ein sprachwissenschaftliches Studium, was zumindest bei einem Teil auf eine berufliche Neuorientierung hindeutet.

Bei den dualen Studiengängen bilden die Humanmedizin/ Gesundheitswissenschaften die drittgrösste Gruppe. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Für die Gruppe der ausbildungsintegrierend dual Studierenden in einem Gesundheitsberuf konnten 2014 insgesamt 158 korrespondierende Studiengänge gezählt werden. Dies entspricht einem Anteil an den ausbildungsintegrierten Studiengängen von 11%. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Während die Ausdehnung dualer Studiengänge tendenziell auf eine zunehmende Akademisierung hindeutet, zeigt die Präferenz für eine ausbildungsintegrierende Variante zugleich die momentan noch hohe Bedeutung einer Verbindung mit einer Berufsausbildung an. Eine hohe Affinität besteht in den Pflegeberufen. Diese Begrenzung kann dadurch erklärt werden, dass die Akademisierung anderer Gesundheitsberufe erst in den vergangenen Jahren an Dynamik gewonnen hat. So wurden für einige der Gesundheitsberufe in den vergangenen Jahren neue Studiengänge eingerichtet, die aber noch nicht an die Angebote eines dualen Studiums angebunden sind.

    2014 konnten in den Gesundheitsberufen 158 ausbildungsintegierte Studiengänge gezählt werden. Das entspricht einem Anteil von 11 Prozent. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

    Fazit: Der (nach den kaufmännischen Berufen) zweitgrösste Anteil an Hochschulzugangsberechtigten in einer Berufsausbildung findet sich in den Gesundheitsberufen. Da dieses Segment an Bedeutung weiter zunehmen wird, kommt der Berufsgruppe auch in der Untersuchung eine wesentliche Rolle zu. Das Substituierungspotenzial in diesem Ausbildungsbereich ist aus folgenden Gründen hoch:

    • Konkurrierend zu den Ausbildungsgängen werden an staatlichen und privaten Hochschulen in sieben der elf Berufe fachlich affine Studiengänge angeboten. Private Hochschulen konzipieren verstärkt fachlich affine Studiengänge und versprechen sich hier besondere Marktchancen.
    • Es wird eine wachsende Zahl an dualen Studiengängen angeboten, wobei viele davon ausbildungsintegriert konzipiert sind.
    • In einigen der Berufe wurden in den vergangenen Jahren Studiengänge an Fachhochschulen eingerichtet, wodurch sich der Akademisierungsprozess eingesetzt beschleunigt hat.
    • Ein Teil der Auszubildenden mit HZB nimmt im Anschluss an die Ausbildung (aus unterschiedlichen Motiven) ein Studium auf.

    Abschluss

    Die Antworten auf die beiden untersuchungsleitenden Fragen fallen wie so häufig in der Berufsbildung differenziert aus. Es besteht zwar durchaus eine Konkurrenz zwischen beruflichen und akademischen Bildungsgängen, dies gilt aber nicht für alle Berufsgruppen. In manchen Bereichen werden Bildungswege auch künftig ohne Wettbewerb nebeneinander bestehen, für andere wird die duale Berufslehre weiterhin der Königsweg bleiben. Gleichwohl lassen sich insbesondere für die kaufmännischen und die Gesundheitsberufe deutliche Hinweise auf eine Substituierung von beruflichen durch akademische Bildungskarrieren erkennen. Inwieweit die Subsituierungspotenziale zu realen Verschiebungen führen werden, ist offen.

    Aus Sicht der schweizerischen Berufsbildung stellen sich Fragen der Akademisierung derzeit weniger drängend als in Deutschland. Dies ist massgeblich auf die im Eingangskapitel skizzierten, unterschiedlichen Kontexte zurückzuführen, in die bestehende Entwicklungen der Berufsbildung eingebettet sind. Die Bildungswege in der Schweiz verlaufen vergleichsweise kanalisiert. Spätestens nach der obligatorischen Schulzeit besteht eine Weichenstellung: der kleinere Teil einer Alterskohorte mündet in eine gymnasiale Maturitätsschule, deren Abschluss in der Regel zu einem Studium an einer Universität führt. Der grössere Teil beginnt direkt oder nach Absolvierung eines Brückenangebots eine Berufslehre, für einen kleinen Teil verbunden mit dem Erwerb der Berufsmaturität und damit der Option auf ein anschliessendes Studium an einer Fachhochschule. Dieses kanalisierte System ist bildungsökonomisch effizient; und wenngleich die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung geringer ausgeprägt ist als in Deutschland, so ist sie doch prinzipiell vorhanden. Insofern liessen sich die Befunde aus der deutschen Studie in der Schweiz als «Bericht aus einem fremden Land» rezipieren.

    Gleichwohl sind die berichteten Befunde aus der deutschen Berufsbildung nicht ganz so fern, wie sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Denn zum einen gestaltet sich die Situation auch in der Schweiz je nach Landesteil und Region sehr unterschiedlich. Zum anderen sind sowohl das Bildungswahlverhalten der Jugendlichen als auch das Rekrutierungsverhalten der Betriebe nur bedingt staatlich beeinflussbar und daher schwer prognostizierbar. So führen Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Technik im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung zu Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt, die nicht zuletzt in neuen Kompetenzprofilen mit Rückwirkungen auf die beruflichen und akademischen Bildungsgänge resultieren. Insofern bieten Studien wie die vorliegende einen Resonanzboden auch für Adressaten, die nicht nur eine direkte Umsetzung von Forschungsergebnissen im Blick haben, sondern über den Tellerrand hinausschauen.

    Euler, D., Severing, E. (2017): Welche Berufsausbildungen sind durch akademische Bildungsangebote gefährdet? Bertelsmann Stiftung.

    1 Quelle: Autorengruppe Bildungsberichterstatttung (Hrsg.). Bildung in Deutschland 2016. Bielefeld: W.Bertelsmann. S. 273, 284.