KOF-Studie zur Governance in der Berufsbildung

Wie gut arbeiten die Akteure der Berufsbildung zusammen?

Die KOF hat die Kooperation zwischen den Akteuren im Schweizer Bildungssystem untersucht. Dabei zeigt sich, dass diese generell zufrieden sind mit der Zusammenarbeit. Ein Spannungsfeld, also weniger zufriedenstellende Beziehungen, besteht zwischen dem Bund und den Organisationen der Arbeitswelt (OdA), und zwar in beide Richtungen. Hier gibt es Handlungsbedarf, denn die OdA spielen im dualen Berufsbildungssystem eine zentrale Rolle. Die Studie macht eine Reihe von Vorschlägen, so zur Verbesserung der Information über das Berufsbildungssystem.

Ursula Renold
Katherine Caves
Maria Esther Oswald-Egg
Von Ursula Renold, Katherine Caves und Maria Esther Oswald-Egg
Ursula Renold ist Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF, ETH Zürich; Katherine Caves ist Post-Doc Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF, ETH Zürich; Maria Esther Oswald-Egg ist Doktorandin Forschungsbereich Bildungssysteme, KOF, ETH Zürich

Die allgemeine subjektive Zufriedenheit der Verbundpartner mit der Governance des Berufsbildungssystems Schweiz ist relativ hoch.

Die KOF Forschungsabteilung für Bildungssysteme hat eine Auswertung zur Steuerung des Schweizer Berufsbildungssystems abgeschlossen. Im Zentrum der im Auftrag des Staatssekretariates für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) durchgeführten Studie stehen folgende Fragen:
a) Wie gut ist die Governance1 innerhalb des Berufsbildungssystems Schweiz?
b) Wie gut ist die Governance von System-Schnittstellen?

Als wichtige Governance-Thematik bezeichnet das SBFI die Verbesserung des Systemwissens bei den Akteuren der Berufsbildung auf nationaler Ebene, konkret: das Wissen dieser Akteure über ihre eigene Rolle und ihre Bedeutung für das Gesamtsystem. Daraus sollen Erkenntnisse gewonnen werden, wo und bei wem das Systemwissen gut ist und wo allenfalls Verbesserungspotenzial existiert.Die Umfrage wurde im Januar 2019 bei ausgewählten Akteuren der Schweizer Berufsbildung in Deutsch und Französisch durchgeführt. Insgesamt haben 2129 Personen an der Befragung teilgenommen, wobei alle Kantone und Wirtschaftszweige vertreten sind.

Verbundpartner sind mit dem Schweizer System relativ zufrieden

Die allgemeine subjektive Zufriedenheit der Verbundpartner mit der Governance des Berufsbildungssystems Schweiz ist relativ hoch und liegt im Durchschnitt aller Befragten bei 3.7 (auf einer Skala von 1 bis 5). Die Zufriedenheit pro Steuerungsdimension schwankt im Durchschnitt zwischen 3.0 (Steuerungsdimension SD6: Finanzierung) und 3.9 (SD12: Durchlässigkeit). Damit darf angenommen werden, dass die Governance insgesamt zufriedenstellend ist. Internationale Vergleichswerte fehlen, da diese Umfrage bislang nur in der Schweiz durchgeführt wurde.

Bei der objektiven, detaillierteren Beurteilung der zwölf Steuerungsdimensionen (inklusive Teilfragen), welche ein Berufsbildungssystem auszeichnen, sind die Durchschnittswerte etwas tiefer, wie die folgende Grafik 1 zeigt. Die Mittelwerte liegen zwischen 2.8 und 3.6. Verschiedene Akteure beurteilen einzelne Steuerungsdimensionen also leicht unterschiedlich.

Grafik 1: Objektive Einschätzung der Governance

Hinweis: Die Grafik stellt die objektive Einschätzung in Boxplots dar, wobei die Box die mittleren 50% der Daten darstellen (zwischen 25%-Quartil und 75%-Quartil). Die Antennen stellen die Werte ausserhalb der Box dar. Ausreisser werden durch die Punkte gekennzeichnet. Ein pinkfarbenes Karo zeigt das arithmetische Mittel, ein graues X den Medianwert, welcher den Wert angibt, bei dem 50% der Daten darüber liegen und 50% darunter. N=1028-1532
 

Intensive Beziehungen zwischen Betrieben und Berufsfachschulen

Die Zusammenarbeit der Verbundpartner ist das A und O eines gut funktionierenden Berufsbildungssystems. Grafik 2 zeigt die Kooperationszufriedenheit und -intensität anhand von ausgewählten Netzwerkanalysen. Die intensivsten Kooperationsbeziehungen bestehen zwischen Betrieben und Berufsfachschulen. Im Weiteren fällt auf, wie intensiv die Schulen mit den Organisationen der Arbeitswelt (OdA) kooperieren. Diese Beziehungen werden als zufriedenstellend bis neutral bezeichnet, was als ausgesprochen positiv gewertet werden kann.

Grafik 2: Zusammenarbeit der Akteure

Hinweis: Die grauen Pfeile zeigen die Richtung der Beziehungen an, soll heissen, dass auf der linken Seite die Beziehungen der unterliegenden Akteure mit den oberliegenden Akteuren gezeigt wird, während auf der rechten Seite die Beziehungen der oberliegenden Akteure mit den unterliegenden Akteuren dargestellt sind. Diese Anordnung wurde für die Visualisierung gewählt und hat in keiner Weise mit einem Level zu tun, da die Kantone und OdA etwa auf dem gleichen Level anzusiedeln wären wie auch die Betriebe und Schulen. Die Dicke der Verbindungslinien stellt die Stärke der Beziehung dar, wobei eine dickere Linie eine stärkere Beziehung bedeutet. Die Farbe der Verbindungslinien symbolisiert die Zufriedenheit der Akteure mit der Zusammenarbeit. Diese Einfärbung stellt die Ergebnisse etwas überspitzt dar, da alle Akteure grundsätzlich mit der Zusammenarbeit zufrieden sind (alle Werte über 3). Um die Unterschiede jedoch erkennbar zu machen, werden die Angaben in drei Farben aufgezeigt. Grün steht für den Drittel der ausgehenden Akteure, der mit der Zusammenarbeit am meisten zufrieden ist (Werte über 4.1). Rot zeigt den Drittel der ausgehenden Akteure, der mit der Zusammenarbeit am wenigsten zufrieden ist (Werte unter 3.7) und Grau steht für den mittleren Drittel, was einer neutrale Einschätzung gleich kommt (zwischen 3.7 und 4.1).
 

Die Beziehungen zum Bund sind generell zwar nicht sehr intensiv; allerdings sind diejenigen, welche mit dem Bund zusammenarbeiten, eher weniger zufrieden. Ein Spannungsfeld, also weniger zufriedenstellende Beziehungen, besteht zwischen dem Bund und den OdA, und zwar in beide Richtungen. Hier gibt es Handlungsbedarf, denn die OdA spielen im dualen Berufsbildungssystem eine zentrale Rolle.

Handlungsempfehlungen und Ausblick

Aus den Resultaten können folgende Handlungsempfehlungen für das Berufsbildungssystem Schweiz abgeleitet werden:

  1. Eine stärkere Integration von forschungsnahen und innovativen Unternehmen bei der Entwicklung von Lehrplänen und der Aktualisierung von Bildungsverordnungen könnte Innovation fördern. Solche Unternehmen könnten etwa bei der Rekrutierung von Betrieben für eine Reformkommission stärker miteinbezogen werden.
  2. Die Art und Weise, wie sich Verbundpartner über den Zeitpunkt und den Inhalt der Erneuerung eines Lehrplanes (Curriculum) und einer Bildungsverordnung informieren, hat im internationalen Vergleich Verbesserungspotenzial.
  3. Die Kooperationsbeziehungen zwischen Betrieben und Berufsfachschulen sind ausgesprochen intensiv und sollten durch die zuständigen Verbundpartner wertgeschätzt werden.
  4. Ebenso sollten die OdA mit ihren Betrieben als tragende Akteure in der Verbundpartnerschaft Anerkennung finden. Sie arbeiten gut zusammen.
  5. Die Kooperationsbeziehungen zwischen dem Bund und den OdA sollten reflektiert werden. Offensichtlich sind aufgrund der Rückmeldungen beide Seiten weniger miteinander zufrieden. Diese Zusammenarbeit sollte weiter geklärt werden.

In Bezug auf die Governance von System-Schnittstellen können folgende Handlungsempfehlungen gegeben werden:

  1. Unter dem Aspekt der Chancengleichheit soll geprüft werden, ob die Zulassungsvoraussetzungen für die allgemeinbildenden Bildungswege schweizweit harmonisiert werden können.
  2. Die unterschiedliche Bedeutung von formalen Höheren Berufsbildungsabschlüssen gegenüber nicht formalen Hochschulkursen soll thematisiert werden.
  3. Es besteht aus Sicht der Teilnehmer Handlungsbedarf bei der Umsetzung der Verfahren zur Anerkennung von non-formalen Lernleistungen (z.B. Besuch eines freiwilligen Kurses) und informellen Lernleistungen (z.B. Berufserfahrung).
  4. Angesichts der grossen Bedeutung der Durchlässigkeit im gesamten Schweizer Bildungssystem sollte geprüft werden, wie die Information darüber verbessert werden kann.

Das Fazit aus dieser Studie lautet: Die Schweizer Berufsbildungs-Governance kann angesichts der sehr differenzierten Analyse und einer vergleichsweise hohen Zahl an Teilnehmenden als insgesamt gut beurteilt werden. Die Zusammenarbeit an der Basis der Berufsbildung darf als sehr intensiv und neutral bis gut bezeichnet werden. Sämtliche Stakeholder-Gruppen unterhalten mehr oder weniger intensive Beziehungen miteinander.

Generell beurteilen die im Gesetz verankerten Verbundpartner die Beziehungen mit den für die Umsetzung zuständigen Institutionen positiver als umgekehrt. Dies hat damit zu tun, dass sie meist über wesentlich mehr Informationen verfügen. Einzig die Beziehung zwischen den OdA und dem Bund ist weniger zufriedenstellend aus der Sicht der Teilnehmer. Hier ist bei den Kooperationsbeziehungen der grösste Handlungsbedarf angezeigt.

1 Dazu gehören gemäss SBFI folgende Aspekte: Überprüfen und Anpassen der verbundpartnerschaftlichen Organe hinsichtlich ihrer Notwendigkeit und Wirksamkeit (Kommissionen, Gefässe, Gruppen etc.); Stärken der Verbundpartnerschaft unter Nutzung neuer Technologien; Vereinfachen der Finanzflüsse und Verbessern der Anreizstrukturen; Gewährleisten der Finanzierungssicherheit (privat und öffentlich); Verbessern des Systemwissens bei den Akteuren der Berufsbildung auf nationaler Ebene; Verbessern der interkantonalen Zusammenarbeit mit dem Ziel der Harmonisierung; Stärken des verbundpartnerschaftlichen Auftritts in den Gremien der anderen Bildungsbereiche.
 

Literatur

  • Caves, Katherine M., Maria Esther Oswald-Egg, and Ursula Renold (2019): KOF Studies, vol. 127, Zürich: KOF Swiss Economic Institute, ETH Zurich, 2019.